Filzferien in der eigenen Stadt: meine Traumweste

Na ja, ich muss zugeben, so ganz stimmt es nicht…

  1. Die eigene Stadt ist es laut Stadtgrenze schon, aber Burgaltendorf wurde spät nach Essen eingemeindet und bildet eine eigene Einheit. Dort ist es hügelig, und alles macht einen idyllischen, eher dörflichen Eindruck.
  2. Meine Ferien in Petras Filzstube waren dort zwar nicht vom Nichtstun geprägt, dennoch war es eine sehr angenehme, produktive, informative, entspannte, ruhige Auszeit.

Nun fragt Ihr Euch sicher, was ich dort machte. Die Idee zwei Ferientage bei Petra zu verbringen, entstand, als ich Anfang September in Siegburg die Ausstellung „Soul of Felt“ besuchte und dort eine feine, dünne funogefilzte braun-schwarze Weste anprobierte, die mir sehr gefiel. Sie passte mir nicht und kam deshalb nicht in Frage. „Eigentlich kann ich das ja selbst filzen,“ dachte ich.

Vor längerer Zeit versuchte ich mich bereits im Nunofilzen mit Pongéseide und filzte einen Gürtel, Kameragurt, Schal (mein Header im Blog) und ein Kleid. Nur das Kameraband entstand zuhause in Eigenregie, die anderen Teile filzte ich unter Anleitung in Kursen.

2016.10 Weste 1

Das Nunofilzen mit Pongéseide ist eine besondere Herausforderung im Vergleich zum Filzen mit Chiffon, weil die Pongéseide viel dichter ist und es somit schwieriger ist für die Wollfasern, durch den Stoff zu „kriechen“. Der Schrumpffaktor liegt bei 2, d.h. man fängt doppelt so groß an und muss die Kammzugwolle ganz fein und sauber auslegen, damit keine Löcher entstehen.

Alleine traute ich mir es nicht zu eine Weste zu filzen, weil zu viel hätte schief gehen können. Also dachte ich an Petra, deren tolle Arbeiten ich im April bewundert hatte. Sie konnte im letzten Jahr die Filzausbildung in der Filzschule Oberrot abschließen. Wow, was für eine Vielfalt, was für ein Aufwand macht sich bei ihren Filzarbeiten bemerkbar…

Petra war so flexibel, dass sie mir zwei Tage in den Herbstferien reservieren konnte. Jeweils von 10 – 19 Uhr war ich bei ihr und tauchte in ihre Welt des Filzens ein.

Zunächst klärten wir, welche Form die Weste haben sollte. Die Farbe hatte ich mir schon ausgesucht. Die Weste sollte schwarz werden, sowohl die Seide als auch die Wolle sollten diese Farbe haben. Dazu passt alles, so war meine Überlegung. Ein Probeläppchen von 20 x 20 cm fertigte ich an, das auf ein Maß von 10 x 10 cm schrumpfen musste. Das gefiel mir gut, die typisch krinkelige Struktur der Seide war deutlich sichtbar: so sollte es werden. Petra schlug vor, ein Probeläppchen mit grauer Wolle auf schwarzer Seide zu fertigen, um eventuell eine Alternative zu haben. Dies sieht auch schön aus, und ich kann es mir für Stulpen oder andere kleinere Stücke vorstellen.

2016.10 Weste 2

Die Schablone berechnet sich nach meinen Maßen: Brustweite, Länge, Schulterbreite. Der Überschlag vorne muss auch berücksichtigt werden. Petra gab mir Vieles von ihrem Wissen, dass sie bei den „großen“ Filzlehrerinnen in der Ausbildung gelernt hat, weiter und ich profitierte beim Fertigen der Weste von Ihrer Erfahrung beim Filzen von Bekleidung.

Der Filzprozess ist für mich immer wieder eine neue Herausforderung: theoretisch weiß ich ja, wieviel Arbeit dahinter steckt, aber wenn ich dann mittendrin stecke, ist es doch ganz schön anstrengend, sowohl von der Konzentration her als auch körperlich. In letzter Zeit arbeitete ich viel mit Vlies oder Vorfilz. Der echte Filzer würde sagen: „Das ist kein richtiges Filzen. Das geht nur mit Kammzugwolle.“ Im Auslegen dieser konnte ich mich jetzt üben. Wir wogen die Wollmenge für zwei Vorder- und eine Rückseite genau ab und damit musste ich beim Auslegen auskommen. Das klappte leider nicht immer. Das Auslegen will gelernt sein…

Mehr als einmal rettete mich Petras akribische Art, die Wollmengen und Schablonengrößen noch einmal zu kontrollieren und nachzumessen. Da ist ihre gute Anleitung und Erfahrung unbezahlbar.

Auch die wollige Innenseite bekam ein Muster, sodass ich theoretisch die Weste von zwei Seiten würde tragen können:

2016.10 Weste 3

Petra versorgte mich nicht nur mit ihrem Filzwissen. Wasser, Kaffee und Süßes standen immer bereit. Mittags zauberte sie extra für mich ein köstliches Mittagessen, das mir die nötige Energie gab, um zügig weiterzuarbeiten.

Erst am späten Nachmittag des zweiten Tages waren alle Seiten so gut gelegt und angefilzt, dass ich anfangen konnte zu rollen. Erfreulicherweise war es bei dieser Vorarbeit des Anfilzens nicht notwendig, die Weste 800 mal zu rollen, wie es damals bei dem blauen Kleid der Fall war. Vergleichsweise schnell krinkelte sich die Seide, die Schablone konnte herausgenommen werden und ich knüddelte und knetete die Weste, damit sie fester und kleiner wurde.

Dann kam der große Moment: die erste Anprobe… Wie spannend! Petra zeigte mir, wo und wie ich die Weste in Form bringen musste, damit sie mir auch richtig passt. Wir stellten fest, dass beide Seiten sehr schön aussehen: die wollige und seidige.

Außenseite (Seidenseite) mit gelegten und abgenähten Reservierungen:  2016.10 Weste 3

Innenseite (Wollseite) mit aufgelegten Seidenstreifen:

2016.10 Weste 4

Nun wird es aber Zeit, die Weste im Ganzen zu zeigen:

Vorderseite (den Metallknopf zauberte Petra hervor, er passt hervorragend):

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Rückseite:

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Detailfoto der Vorderseite mit Knopf und Kragen:

2016.10 Weste 9

Detailfoto der Rückseite mit Rüschen:

2016.10 Weste 8

Die Weste wiegt 198g und ist meine Traumweste. Insgesamt waren es zwei tolle Tage in Petras Filzstube in Burgaltendorf, in denen ich viel gelernt und viele neue Anregungen und Tipps bekam. Ganz herzlichen Dank, liebe Petra!

Ein Gedanke zu „Filzferien in der eigenen Stadt: meine Traumweste

  1. Hallo Silke, die Weste hast du ganz toll hinbekommen. Bin ganz neidisch…diese feinen, aparte Details gefallen mir sehr gut. Wie die Seide unten rausguckt…und die innen aufgelegte Seide. Man kann auch erahnen, dass die Weste perfekt sitzt. Klasse! Grüße Brigitte

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