Filzen in Krisenzeiten/ Felting in time of crisis

DEUTSCHE VERSION – Filzen als wertvolles Gut in Krisenzeiten

Sicher haben sich viele von Euch gefragt, was los ist, ob etwas passiert sei. Seit dem letzten Post hier sind dreieinhalb Monate vergangen! Aber ich kann Euch versichern, dass dies ein gutes Zeichen und kein Grund zur Sorge ist. Während andere Kreativschaffende sich in dieser Krisenzeit eher zurückziehen, blüht meine Kreativität geradezu auf. Und zwar so sehr, dass ich keine Zeit fand, diesen Blog zu bedienen. 

Ein weiterer Grund ist, dass ich ehrlich gesagt, social media als gute und einfach zu handhabende Alternative sehe, die einen Austausch auf internationalem Niveau ermöglicht. 

In den letzten Tage machte ich mir Gedanken darüber, warum ich in den letzten Monaten so viel gefilzt habe wie nie und möchte die Gründe darlegen. Inspiriert hat mich die letzte Filzeinheit mit Maria Friese im Rahmen ihres Angebots „felt moments“. Dort geht es zum einen um die Transformation von Wolle und Filz und zum anderen um einen achtsamen, spirituellen Umgang mit uns und unserer Umwelt, den wir durch eine Transformation und Veränderung unserer Gedanken und unserer Einstellung erzielen können. Es sind also Transformationen im direkten und übertragenen Sinne, die wir vollziehen können [Es stellt sich – ganz nebenbei – die Frage, welche Transformation leichter von der Hand geht, die filzerische oder die gedankliche…]. 

Dieses Thema also, was wir durch das Filzen bewirken können und warum wir diesem Hobby nachgehen, beschäftigte mich seit einigen Tagen. 

Zum einen ist der Filzprozess etwas, das ich kontrollieren kann. Ich wähle das zu filzende Objekt aus, wähle Farben und Fasern, steuere den Entstehungsprozess, ja kann ihn sogar direkt mit meinen Händen beeinflussen. In einer Zeit, in der wir über einige Dinge keine Kontrolle zu haben scheinen und viele Dinge akzeptieren müssen, ist dies ein ganz wichtiges Element, um eine Verbindung zu spüren und meine Gestaltungsfreiheit wahrzunehmen. Ich selbst bin für das verantwortlich, was ich kreiere und kann oftmals den Zeitpunkt und die Dauer selbst bestimmen. 

Ich kann selbst entscheiden, was ich filze und wie ich es tue. Eingefleischte Filzerinnen unter Euch wissen, dass das Filzen nahezu unendliche Möglichkeiten bietet. Und es ist immer wieder – auch nach jahrelanger Erfahrung – faszinierend, wenn sich lose Wollfasern zu einem festen Gewebe und Filz mithilfe von einfachen Mitteln und ein paar Tipps und Tricks entwickeln. Das macht den Zauber dieses Materials aus. 

Mit meinen Filzobjekten gestalte ich etwas Einzigartiges und Schönes. Überwiegend Unikate entstehen bei mir, kein Objekt gleicht dem anderen. In einer Zeit, in der wir mit Einschränkungen leben müssen, in der voranschreitenden dunklen Jahreszeit, brauche ich etwas Schönes, auf das ich mich und über das ich mich freuen kann und worauf ich stolz sein kann. 

In den letzten Monaten, seit meinem letzten Präsenzworkshop im Februar 2020 habe ich mich – durch das viele Filzen – filztechnisch enorm weiterentwickelt. Das kann ich selbst am besten an meinem Instagram-Feed festmachen. Die aneinandergereihten Fotos meiner FilzSis lassen leicht erkennen, wie ich vorangekommen bin, mich verbessert habe, wie qualitativ hochwertiger meine Fikzobjekte geworden sind. Ich arbeite filigraner, kenne mich besser mit den Materialien aus und kann besser einschätzen, was ich wofür nutze. Eine Filzerin fragte mich letztens, ob ich mir die Fingerpuppe „einfach so aus den Fingern geschüttelt habe“. Und ich muss zugeben, dass es mir sehr viel leichter fällt, Figuren im Kopf vorzuplanen und zu konstruieren als noch Anfang des Jahres. Und meist werden sie auch so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Das ist ja das Schöne am Filzen, es gibt immer ein Ergebnis. 


Welche Alternativen gibt es? Welche anderen Dinge werden empfohlen, um „runterzukommen“, die alltäglichen Balanceakte zu schaffen? Achtsamkeit und Meditation werden groß geschrieben. Doch sind es wirklich Alternativen? Hat nicht das Filzen ganz viel mit Achtsamkeit und Meditation zu tun? Es ist ein achtsamer Umgang, wenn ich mir diese Kreativzeit nehme und nehmen kann, weil ich weiß, dass sie mir gut tut. Der „Behandlung“ der Wolle ist meditativ und entspannend – zumindest zum größten Teil – und wie großartig ist es, in den sogenannten Flow zu geraten und Raum und Zeit zu vergessen, abgelenkt zu sein. 

Ein letzter Punkt, der einen wesentlichen Bestandteil meiner Filzreise ausmacht, ist das Verbinden. Und damit meine ich nicht das Verbinden der Fasern, damit sich ein Filz bildet, sondern das Verbinden mit anderen, mit Gleichgesinnten, mit Filzfreundinnen – auf regionaler, deutscher und – vor allem – internationaler Ebene.  

Das Absagen von Workshops hat im Frühjahr dazu geführt, dass sich viele Filzerinnen spontan und flexibel zeigten und Onlineangebote aus dem Boden sprossen wie Gänseblümchen auf einer Wiese. Eine große Bandbreite an Möglichkeiten eröffnete sich: diese reichte und reicht von einmaligen und kostenfreien Angeboten live im Internet bis zu längerfristigen Kursen mit jederzeit und mehrfach abrufbaren Videos und Erklärungen, von Videokonferenzen mit anderen bis zum individuellen Aufrufen der Module. 

Die Kommentarfunktionen diverser Plattformen sind Gold wert und schaffen eine Gemeinschaft Gleichgesinnter und eine Nähe trotz der Distanz von manchmal 10000 Kilometern und vielen Zeitzonen. Der direkte Austausch und das Mitfilzen bei einer Videokonferenz kann – bei guter Kameraeinstellung – dazu führen, dass ich mich fast so fühle, als würde ich – wie gewohnt – an einem Präsenzworkshop teilnehmen. Natürlich gelingt das nicht zu 100%, aber es ist eine Möglichkeit, die derzeit die bestmögliche darstellt. 

Ich weiß nicht, ob es jeder nachvollziehen kann… ich finde es einfach toll, wenn ich ein Filzobjekt im Netz von jemandem sehe und kommentieren kann, die zur gleichen Zeit dasselbe hergestellt hat, aber in Sibirien, Australien, den USA oder Argentinien wohnt. 

Zum Glück hatte ich die Möglichkeit, viele Filzkurse in den letzten Monaten zu buchen und daran teilzunehmen, und ich bin mir bewusst, dass ich mich in einer sehr privilegierten Lage befinde. Das weiß ich sehr zu schätzen. Einige Reisen, auf die ich mich gefreut hatte, waren ins Wasser gefallen, und so ergaben sich sowohl zeitliche als auch finanzielle Möglichkeiten. Gute online Filzangebote sind nicht günstig, basieren aber auf jahrelanger Erfahrung, Expertise und des Experimentierens der Anbieterinnen und sind mit einem hohen technischen Aufwand verbunden, den man häufig unbegrenzt zur Verfügung hat. Einblicke in die jeweiligen Filztechniken gepaart mit wertvollen Tipps und Tricks machen die Angebote sehr wertvoll. 


ENGLISH VERSION – Felting as a valuable tool in times of crisis

I’m sure many of you have wondered what is going on, whether something has happened. Three and a half months have passed since the last post here. But I can assure you that this is a good sign and nothing to worry about. While other creative people tend to retreat in this time of crisis, my creativity is blossoming. And so much so that I did not find the time to operate this blog. 

Another reason is that, to be honest, I see social media as a good and easy to handle alternative that allows for exchange on an international level. 

In the last few days I have been thinking about why I felted more than ever in the last months and I would like to explain the reasons. I was inspired by the last felting session with Maria Friese as part of her offer „felt moments“. There it is about the transformation of wool and felt on the one hand and on the other hand about a mindful, spiritual approach to ourselves and our environment, which we can achieve by transforming and changing our thoughts and our attitude. So it is transformations in the direct and figurative sense that we can carry out [The question arises – by the way – which transformation is easier to handle, the felt-like or the mental one…]. 

This topic, what we can achieve through felting and why we pursue this hobby, has kept me busy for several days. 

For one thing, the felting process is something I can control. I choose the object to be felted, choose colours and fibres, control the process of creation, even influence it directly with my hands. In a time when we seem to have no control over some things and have to accept many things, this is a very important element to feel a connection and to perceive my creative freedom. I myself am responsible for what I create and can often determine the time and duration myself. 

I can decide for myself what I felt and how I did it. Experienced felters among you know that felting offers almost infinite possibilities. And it is always fascinating – even after years of experience – when loose wool fibres develop into a firm fabric and felt with the help of simple means and a few tips and tricks. This is what makes this material so magical. 

With my felt objects I create something unique and beautiful. Predominantly unique pieces are created by me, no two objects are alike. In a time in which we have to live with restrictions, in the advancing dark season, I need something beautiful, something I can be happy and proud of. 

In the last few months, since my last presence workshop in February 2020, I have – through the many felting sessions – made enormous progress in the field of felting technology. This is what I can best demonstrate with my Instagram feed. The strung together photos of my FilzSis show easily how I have progressed, how I have improved, how my felted objects have become more qualitative. I work more filigree, I know more about the materials and I can better estimate what I use for what. A felter asked me the other day if I „just shook the finger puppet out of my fingers“. And I have to answer that it is much easier for me to plan and construct figures in my head than at the beginning of the year. And most of the time they turn out just as I had imagined them. That is the beauty of felting, there is always a result.

What are the alternatives? What other things are recommended to „come down“, to tackle the daily balancing act? Mindfulness and meditation are very important. But are they really alternatives? Doesn’t felting have a lot to do with mindfulness and meditation?

It is a mindful outcome if I take and can take this creative time because I know that it is good for me. 

The „treatment“ of the wool is meditative and relaxing – at least for the most part – and how great it is to get into the so-called flow and forget space and time, to be distracted. 

One last point, which is an essential part of my felting journey, is connecting. And by this I do not mean connecting the fibres so that a felt is formed, but connecting with others, with like-minded people, with felt friends – on a regional, German and – above all – international level.  

The cancellation of workshops in spring led to many felters showing themselves to be spontaneous and flexible and online offers sprouted from the ground like daisies in a meadow. A wide range of possibilities opened up: these ranged and still range from one-off and free offers live on the internet to longer-term courses with videos and explanations that can be called up several times at any time, from video conferences with others to individual calling up of modules. 

The commentary functions of various platforms are worth their weight in gold and create a community of like-minded people and proximity despite the distance of sometimes 10,000 kilometres and many time zones. The direct exchange and felting along during a video conference can – with a good camera angle – make me feel almost as if I am taking part in a face-to-face workshop as usual. Of course, this does not succeed 100%, but it is a possibility that is currently the best possible. 

I don’t know if everyone can understand it … I think it’s just great when I can see and comment on a felt object in the net of someone who has made the same thing at the same time but lives in Siberia, Australia, the USA or Argentina. 

Fortunately I have had the opportunity to book and attend many felt courses in the last few months and I am aware that I am in a very privileged position. I appreciate this very much. Some of the trips I had been looking forward to had fallen through, and so there were both time and financial possibilities. Good online felt offers are not cheap, but they are based on years of experience, expertise and experimentation by the providers and involve a great deal of technical effort, which one often has unlimited access to. Insights into the respective felting techniques combined with valuable tips and tricks make the offers very valuable.

4 Gedanken zu „Filzen in Krisenzeiten/ Felting in time of crisis

  1. Liebe Silke, das ist sehr schön geschrieben und wir denken, es ist auch für alle Nichtfilzer / Nichtfilzerinnen nachvollziehbar, besonders was die Aspekte Selbstkontrolle und Achtsamkeit betrifft. Krisen bringen neue Möglichkeiten und diese sollte man auch nutzen. 😀

  2. Oh meine Güte Silke, das ist ja kein Post aber ein ganzen Roman ! 🙂
    Aber recht hast du ! Schön dass man noch immer was dazu lernen kann !!!!!
    Liebe Grüsse und bleib gesund ! Els

  3. Liebe Silke, mir geht es da wie dir. Auch ich habe einge Onlinekurse gebucht und es war eine ganz wunderbare und tolle Erfahrung für mich. Das Filzen hat in diesem Jahr einen großen Stellenwert bei mir eingenommen. Du hast es ganz wunderbar ausgedrückt, verbinden, formen. entstehen lassen und dabei Raum und Zeit vergessen. Neue Techniken und grenzenlose Möglichkeiten …..man lernt wirklich nie aus.
    Lieben Inselgruß
    Kerstin

  4. Liebe Silke,
    Als ich deinen Text gelesen habe ging mir das Herz auf, ich rutsche immer tiefer in die Filzer Szene. Sag mal, hat dich das Filzen am Anfang auch so gepackt, dass du nicht mehr aufhören konntest? Ich rede nicht mehr mit meiner Familie oder gehe gar raus. Wenn ich nicht esse, sitze ich da und filze die schönsten Kunstwerke.

    Viele Grüße
    Dein FIlzfreund

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