Filzkolleg: Tag 1 – Wechselbad der Gefühle

Es ist traumhaft – ich bin im Filzland. Ganz weit weg vom Alltag und doch nur knapp 50 km von Essen entfernt. Das Filzkolleg des Filznetzwerk findet in dieser Woche in Düsseldorf statt.

2016.08 Filzkolleg 2

Ich habe die Ehre an einem Kurs bei Sandra Struck-Germann teilzunehmen. Das ist eine große Herausforderung. Es geht darum, ein Foto auf Filz zu übertragen und in Pop-Art mit farbigen Hintergründen mehrfach darzustellen. Fertig, wenn man die Technik beherrscht, sieht es phantastisch aus. Endlich sollte es mir gegönnt sein, diese Technik kennen zu lernen.

Hier seht Ihr die Vorbereitung: ich nahm mir viel vor und möchte das Motiv auf vier Hintergründen darstellen. Der Vormittag steht im Zeichen des Überblicks: Sandra erklärt uns die Technik in groben Zügen, damit wir ungefähr wissen, was auf uns zu kommt. Sie bittet uns, die Fotos der Zwischenschritte nicht zu veröffentlichen. Das ist verständlich, schließlich entwickelte sie diese Technik in jahrelanger, mühevoller Arbeit.

2016.08 Filzkolleg 1

Die schönste und traurigste Begegnung hatte ich in der Mittagspause, denn die verbrachte ich mit Annemie Koenen, die auch am Kurs von Sandra teilnimmt und deren einzigartige Ausstellung ich vor wenigen Wochen in Sittard in den Niederlanden hatte bewundern können. Ich hatte mitbekommen, dass Ihr Bus vollgepackt mit Filzunikaten nach der Ausstellung auf dem Weg nach Berlin zur Textil-Art in Brand geraten war und viele Teile nicht zu retten waren. Als sie mir heute erzählte, dass fast alle Teile der Ausstellung in Sittard nicht mehr existieren, die ich gesehen und bestaunt hatte, war ich tief getroffen: 67 Teile aus 12 Jahren Filztätigkeit – ihr „Lebenswerk“, wie sie heute selbst sagte…

Der Nachmittag brachte mich an meine Grenzen, was das Durchhaltevermögen und die Frustrationstoleranz angeht. Die 3-dimensionale Filzdarstellung lässt sich am besten durch die Fotoansicht des Handys 2-dimensional betrachten, aber trotz enormer Anstrengung meinerseits, die Fotovorlage möglichst genau auf die Filzhintergründe zu übertragen, wollte sich keine Ähnlichkeit mit meinem Portrait einstellen. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl nichts richtig gelegt und positioniert zu haben und überlegte sogar kurzzeitig, den Kurs abzubrechen und frustriert nach Hause zu fahren.

Die Stille im Kursraum, meist nur von den einschätzenden, aufmunternden und motivierenden Bemerkungen von Sandra unterbrochen, zeugte von hoher Konzentration aller Teilnehmerinnen, von denen viele sehr filzerfahren sind, weil sie z.B. die Filzausbildung bei Wollknoll in Oberrot durchlaufen haben. Ich kämpfte weiter, fuhr nicht nach Hause, sondern machte eine Pause.

Ausgelegt ist die Wolle nun auf allen vier Hintergründen. Morgen früh wird noch einmal kontrolliert und sicherlich hier und da verändert. Die Kinnpartie stimmt nicht, die Brille ist ein fast unüberwindliches Hindernis. Dann erst beginnt der eigentliche Filzprozess. Ich bin gespannt, was morgen als Ergebnis rauskommt. Aber darum geht es nicht wirklich, denn ist ein bisschen wie in Rio bei den Olympischen Spielen: „Dabeisein ist alles.“. Es gibt so viele bemerkenswerte und namhafte Filzerinnen. Und ganz viele von ihnen sind hier versammelt, sodass ich heute morgen bei der Begrüßung gar nicht aus dem Staunen herauskam. Was für Erfahrungen und Erlebnisse im Filzland in Düsseldorf! Ein Wechselbad der Gefühle am ersten Tag.

deutsch-russisches Filzertreffen

Am 12.09.2015 treffen deutsche und russische Filzerinnen in Köln aufeinander und filzen gemeinsam zum Thema „Gleichgewicht“. Es werden Paare aus deutschen und russischen Teilnehmerinnen gebildet. Jedes Paar filzt Musterstücke, kleine Objekte oder etwas Ähnliches zusammen oder mit der gegenseitigen Unterstützung. Die erschaffenen Objekte können als Andenken mitgenommen, getauscht oder an eine Einrichtung gespendet werden.

2015.09 deutsch-russisches Filzertreffen

Spannend! Und ich bin dabei! 🙂

Auszeit bei Sabine – Ecoprinting

Sabine hatte mich im letzten Jahr zu einem ihrer Rockkurse nach Rees eingeladen. Ihre Röcke sind wunderschön, aber zeitaufwändig in der Herstellung, drei Tage muss man dafür veranschlagen. Das ist viel und lässt sich bei mir nur schwer in den Alltag integrieren. Also sagte ich für den Ecoprint-Workshop zu, der am vergangenen Sonntag stattfand. Außer mir waren vier holländische Filzerinnen angemeldet. Gearbeitet wurde draußen bei schönstem Frühlingswetter, in Sabines tollem Garten.

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Viel wusste ich nicht über das Drucken mit Pflanzen, hatte Bilder im Internet gesehen, konnte mir aber nicht vorstellen, wie das funktionieren würde. Drei Bäder hatte sie angesetzt mit Blauholz, Eukalyptus und Zwiebelschalen. Doch zuerst konnten wir unsere mitgebrachten, nassen Stoffteile kurz entweder in Essig- oder Eisenwasser tauchen. Diese Bäder verändern die Übertragung der Farben. Sabine verwendet immer Eisenwasser, das sie selbst herstellt. Kupfer beispielsweise würde die Übertragung der Drucke reduzieren.

Die Stoffteile wurden ausgebreitet und mit in Wasser eingelegten oder frischen Blättern belegt. Dafür eignen sich z.B. Ahorn, Geranien, Perückenbaum, Haselnuss, Rotbuche, Pfingstrose (Blätter), Rosenblätter, Erdbeerblätter, Himbeere, Amber, Hartriegel und Schmetterlingsflieder. Sabine ist in der glücklichen Lage und findet die meisten Pflanzen in der Nähe oder hat gute Bezugsquellen ausfindig machen können.

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Es macht Spaß, mit den Blättern zu experimentieren und die Seiden- und Filzschals einfach so zu belegen, alles dem Zufall zu überlassen. Planen geht nicht, denn ich habe keinerlei Erfahrung, probiere aus.

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Nachdem die Blätter wahllos auf den Schals, Tüchern und Probestücken verteilt sind, ist die Faltung entscheidend. Die Behälter mit den Bädern haben nur eine bestimmt Höhe und daraufhin muss alles gefaltet werden. Was rausguckt, wird dunkler. Zwischen Blättern und Stoff kann man Papier legen, z.B. normales Kopierpapier, damit sich die Blätter der einen Seite nicht durchdrücken. Auch Plastik ist möglich, aber Sabine weist auf den doppelten Nutzen des Papiers hin: zum einen ist es umweltfreundlich (eben Ecoprinting), zum anderen wird auch das Papier bedruckt und bietet einen schönen Nebeneffekt.

Entscheidend für die Qualität des Drucks ist die Festigkeit der Schnürung. Je fester die Stoff- und Papierbündel aufgerollt und geschnürt werden (auf Holz- oder Eisenstäbe, auch das macht einen Unterschied), desto intensiver fallen die Ergebnisse aus. Und die können sich in der Tat sehen lassen. Allerdings wird man auf eine Geduldsprobe gestellt, denn die gewickelten Stoffteile müssen mindestens zwei Stunden in den Bädern kochen.

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Dann aber wird es spannend. Wie in einer Hexenküche sieht es aus, wenn die dampfenden Bündel aus den Behältern gefischt werden. Aber Sabines Nachbarn kennen das schon, wundern sich schon lange nicht mehr. Wir Teilnehmerinnen sind nicht mehr aufzuhalten. Handschuhe an und her mit den Bündeln: vorsichtig werden die Schnüre entfernt und die Bündel entrollt. Von allen Seiten hört man „Ohh.“ oder „Ahh.“ Die Ergebnisse sind atemberaubend: die Farben leuchten richtig, die Strukturen der Blätter haben sich zum Teil in den Stoff oder das Papier eingebrannt.

Liebe Sabine,
danke für den tollen Workshop. Die schöne Umgebung (arbeite sonst nie draußen ;-)), die inspirierenden anderen niederländischen Teilnehmerinnen, Deine ruhige, nette, zugleich begeisterungsfähige Art und v.a. Deine Bereitschaft, Deine langjährigen Erfahrungen mit uns zu teilen und natürlich nicht zuletzt die überzeugenden, wunderschönen Ergebnisse haben den Sonntag zu einem unvergesslichen Erlebnis machen lassen, das den Arbeitsbeginn am Montag in weite Ferne gerückt hat.

1. Seidenschal (Pongé 05)

2. Seidentuch (Pongé 05, 90 x 90 cm)

3. Papier

4. Filzschal mit Chiffonanteilen

Jeden Tag was Neues machen.

Seit ein paar Wochen mache ich das so: jeden Tag was Neues. Warum? Weil es Spaß macht, Abwechslung und Spontanität bringt und den Alltag nicht langweilig werden lässt. Wie das geht? Ganz einfach: manchmal sind es kleine Dinge, z.B. einen anderen Weg (zur Arbeit) nehmen, woanders einkaufen gehen, Klamotten kombinieren, die man so noch nicht anhatte. Oder auch größere Dinge, z.B. mit jemandem Kontakt aufnehmen, den man ewig nicht gesehen hat, einen Ausflug an einen Ort machen, wo man immer schon hin wollte, Musik hören, die man bisher doof fand, dahin ausgehen, wo ich vor ein paar Monaten „Niemals!“ gesagt hätte oder viel Geld für etwas Schönes auf einmal ausgeben.

Was das Filzen angeht, ist dies allerdings nichts Neues. Ich probiere gern aus, experimentiere und muss lange überlegen, ob es Objekte gibt, die ich zweimal gefilzt habe. Kleine Ansteckblümchen vielleicht oder Untersetzer. Alles andere sind Unikate, ganz bewusst habe ich mich dafür entschieden, oft mit einer neuen Filztechnik ausprobiert oder mit anderen Farben oder unterschiedlichen Wollsorten.

Letzte Woche filzte ich einen weißen Schal, brauchte gar nicht auf Farbe achten, denn der Schal wurde anschließend bedruckt, mit Pflanzen. Dafür nahm ich einen Chiffonschal, teilte ihn längs und filzte darauf in der Nunotechnik weißen, etwas breiteren Vorfilz. Hin und wieder entstand ein Loch oder ich habe eins in den Vorfilz gerissen, damit nur der Chiffon zu sehen war. Die Ränder sind sehr ungleichmäßig, so, wie sie entstanden.

Auch ein kleines quadratisches Stück filzte ich aus Milchschafwolle mit einigen Wollfäden. Und ein Seidenschal und -tuch, das ich noch aus Seidenmalzeiten fand, sollte ich 2 Tage mit einem Tropfen Spüli in Wasser einlegen, um die Fasern auf das Drucken vorzubereiten. Und dann steigerte sich die Vorfreude auf den Ecoprint-Workshop bei Sabine Pfuhler, die ich bei Elvira im letzten Frühjahr kennenlernte und die mich eingeladen hatte…. mehr dazu demnächst…

2015.04.01 Ecoprint

Filzen mit Kindern – Welches Equipment eignet sich?

Seit zweieinhalb Jahren filze ich einmal in der Woche mit Kindern der 5. und 6. Klassen im Rahmen der Nachmittagsbetreuung des Gymnasiums Borbeck. Wir haben eine Zeitstunde zur Verfügung, das erfordert geeignetes und erprobtes Equipment und gutes Zeitmanagement, zumal die mittlerweile 15 Filzkinder der AG mit eigenen Ideen kommen und unterschiedliche Dinge herstellen. Die Materialien stehen in Regals und Kisten bereit. Die Filzkinder kümmern sich um den Auf- und Abbau ihres Arbeitsplatzes. Das dauert in der Regel nicht länger als fünf Minuten.

Zu Beginn der AG-Zeit probierte ich aus, welche Utensilien sich besonders gut eignen. Mittlerweile hat sich folgendes Equipment bewährt:

Als Unterlage nutzen wir Autofußmatten mit einem leicht erhöhten Rand. So wird verhindert, dass es zu größeren Überschwemmungen kommt. Außerdem können die Gummimatten nicht wegrutschen. Damit die unregelmäßige Oberfläche nicht stört, liegt eine dünne Antirutschmatte darüber (erhältlich im Supermarkt als zuschneidbare Matte z.B. mit den Maßen 30x150cm, üblicherweise für Küchenschubladen). Zwei Kinder teilen sich eine Matte, so ergibt sich eine kommunikative Situation, wenn sie gegenüber stehen oder sitzen.

Überschüssiges Wasser kann mit einem Küchenschwamm aufgenommen werden. Deshalb sollte eine Schüssel mit Wasser bereitstehen. Schmierseife oder flüssige Seife aus dem Drogeriemarkt hat sich bewährt. Damit die losen Wollfasern nicht an den Händen kleben, empfiehlt sich eine Gardine oder ein Fliegengitter. Ein altes Handtuch sollte auch griffbereit sein, um die Hände zu trocknen, wenn neue Wolle genommen wird.

Filz-AG Arbeitsplatz

Ein trockener Küchenschwamm eignet sich auch wunderbar als Unterlage zum Nadelfilzen. Dafür sitzen die Filzkinder an separaten Tischen. Neben den Trockenfilznadeln brauchen wir regelmäßig Scheren, Klebstoff, Plastiktüten (um die fertigen Dinge nach Hause zu transportieren), Bleistifte und Papier für Entwürfe. Als Schablone hat sich dickere Trittschallfolie aus dem Baumarkt bewährt, weil man diese durch die Wolle besonders gut fühlen kann.

Die Wolle beziehe ich von Wollknoll. Die Wolle in Mixtüten (Süddeutsche Filzwolle-Mischung, Wolle-Mix „Bunte im Vlies“, Wolle Mix „Bunte im Band“), eignet sich hervorragend, weil darin verschiedene Farben und Qualitäten vertreten sind. So ist für jeden etwas dabei.

Auch der Fotoapparat gehört zu jeder Filzstunde. Die Schüler fotografieren die Zwischen- oder Endergebnisse, damit ich sie jede Woche auf unseren eigenen Blog stellen kann: www.gymbofilzag-wordpress.com. So können auch andere sehen, was wir machen, die Arbeit der Schüler wird wertgeschätzt und der Entstehungsprozess der Filzdinge wird dokumentiert. Jede Woche schauen wir gespannt, wie viele Aufrufe unser Blogbeitrag hatte 😉.

Hier ein „Best of“ des ersten Halbjahres:

Filz-AG 1. Halbjahr