Eine finnisch-deutsche Filzerbegegnung in Helsinki – Preview der Ausstellung „Filz für morgen“

Manchmal ist es wie verhext und eine Filzausstellung jagt die nächste. Diese Woche konnte ich gleich zwei Ausstellungen besuchen. Über die eine in der Alten Spedition in Gladbeck berichtete ich bereits, die andere ist vom 03. Juni bis zum 31. Juli 2019 in Helsinki in Finnland zu bestaunen.

Wie kann das sein, denkt Ihr als pfiffige Leserinnen und Leser? Sie postet den Beitrag am 02. Juni und die Ausstellung ist erst ab 03. Juni zu sehen? Wie soll das denn gehen? Liebe Filzbegeisterte, ich bin in den Genuss eines Previews dieser Ausstellung gekommen und möchte Euch genau darüber berichten. Es geht sozusagen um eine kleine deutsch-finnische Filzbegegnung. Dafür muss ich ein wenig ausholen…

Städtereisen oder wie ich nach Helsinki zur Filzausstellung kam

Citytrips sind etwas Feines. Selten gelingt es in so kurzer Zeit so viel Neues zu erkunden und zu erleben, neue Eindrücke zu sammeln und zu verarbeiten, weit weg vom Alltag in eine andere Welt einzutauchen. Den folgenden Spruch über das Reisen kann ich zu 100% bestätigen:

„Travelling – it leaves you speechless, then turns you into a storyteller.“ – Ibn Battuta

(„Reisen macht einen zuerst sprachlos, dann wird man zum Geschichtenerzähler.“)

So war ich neugierig auf ein neues Land als ich zu einer Städtereise nach Helsinki aufbrach. Norwegen, Schweden, Dänemark und Island hatte ich von den nordischen Ländern bereits z.T. mehrfach bereist. Nun war Finnland mit Helsinki an der Reihe. 

Na ja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Versteht mich nicht falsch! Wenn man Helsinki bereist hat, kann man natürlich nicht behaupten Finnland gesehen zu haben. Wenn ich Berlin gesehen habe, kenne ich auch nicht Deutschland. Aber mit der Besichtigung der Hauptstadt war ein finnischer Anfang gemacht. Schließlich muss es immer etwas geben, wofür es sich lohnt wiederzukommen. 

Doch, liebe Filzinteressierte, was soll mein Geschwafel über das Reisen, wenn es ums Filzen gehen sollt? Schließlich seid Ihr auf meiner Website und auf diesem Blog gelandet, um darüber etwas Neues über das Filzen zu erfahren und nicht, um einen Reisebericht zu Helsinki zu lesen. Keine Sorge, ich komm gleich zur Sache.

Bei der Vorbereitung dieser Reise nach Helsinki, der ich ausgiebig Zeit widmete, sei es wegen der Besichtigungsmöglichkeiten, der Öffnungszeiten, der Essensangebote und der Transportbedingungen, stieß ich auf den Design District Helsinki. Dass finnisches Design eine große Rolle spielt, wusste ich, konnte ich doch auch schon vor meiner Reise mehrere finnische Designmarken benennen, dass viel Handgefertigtes und Handwerkliches vermarktet wird, fand ich heraus und fand das sehr ansprechend. 

So kam ich zufällig auf die Website des Craft Corner Helsinki und erfuhr, dass einen Tag nach meiner Abreise eine Ausstellung der finnischen Filzvereinigung eröffnet werden sollte. Die Ausstellung „Felt for Tomorrow“ wurde anlässlich des 20jährigen Bestehens der finnischen Filzvereinigung in der Craftcorner Taito Gallery gezeigt. Zuvor war sie im Craft Museum von Finnland in Jyväskylä zu sehen. Ein Bericht darüber ist in der aktuellen Filzfun zu lesen. 

Auf der Website des Craft Corner war der Kontakt zu Sirpa Mäntylä abgedruckt, der ich spontan ein paar Tage vor meiner Abreise eine Email schickte und ihr alles Gute für die Ausstellung wünschte. Prompt erhielt ich eine Antwort UND eine Einladung die Ausstellung in der Gallerie im Taitu Shop an der Prachtstrasse Eteläesplanadi zwei Tage vorher anzuschauen und sie persönlich kennenzulernen.

WOW!

Dieses Angebot nahm ich selbstverständlich an und war mächtig aufgeregt diese einmalige Möglichkeit wahrnehmen zu dürfen. Als kleines Mitbringsel aus Deutschland filzte ich das olivgrüne Lavendelsäckchen, das Ihr bereits aus dem vorherigen Beitrag kennt. Erinnert Ihr Euch?

In der Galerie empfing Sirpa mich sehr herzlich mit einer Umarmung. Wie schön, dachte ich, Filzerinnen unter sich bilden überall auf der Welt eine einzigartige Community.

Sie führte mich durch die Ausstellung und zeigte mir die Exponate, die bereits an der Wand hingen. Einen Einblick seht Ihr auf dem Foto oben. Z.T. fehlten die feinen Tafeln mit Namen und Titeln und hier und da das Finetuning. Im hinteren Bereich stand noch eine Leiter und einige Exponate warteten auf die Hängung am nächsten Tag. Sirpa bot mir trotzdem an, Fotos zu machen und fing an, mir einzelne Exponate zu erklären. Toll, dass ich alles anschauen konnte, obwohl es noch nicht perfekt für die Vernissage vorbereitet war.

Den Anfang machten die nichtfinnischen Mitglieder der Vereinigung. Darunter waren mir bekannte Namen wie Susanne Breuling oder Sigrid Bannier oder Caroline Merrell. Schnell kamen Sirpa und ich ins Gespräch, als ich von den Filzkursen erzählte, die ich besuchte, z.B. bei Sigrid Bannier vor zwei Jahren beim Filzkolleg in Düsseldorf und wir uns über den Stellenwert des Filzens in unseren Leben unterhielten.

In Finnland hätte vor Jahren – wie in Deutschland auch – noch größeres Interesse für das Filzen bestanden, berichtete sie, aber mittlerweile würden die Leute wieder Lust darauf haben, Gefilztes anzuschauen und anzufassen und auch Kurse besuchen. Mir scheint, dass Filtti sehr aktiv ist und mehrere Ausstellungen im Jahr organisiert. Sirpa erklärte, dass es eine jährliche Ausstellung in Jämsä, in Mittelfinnland gebe, die ich unbedingt besuchen sollte.

Meine Lieblngswerke im Überblick

Sirpa hatte zu jedem Exponat eine kleine Geschichte parat und kannte die Hintergründe der Filzerinnen. Ich staunte über die sagenhafte Vielfalt an Techniken und Gegenständen, ganz abgesehen von der Farbwucht, die ich erleben durfte. Sogar vorsichtiges Anfassen war erlaubt, um die feste Filzqualität zu begutachten. Kennt Ihr das Bedürfnis, in Filzausstellungen die Exponate nicht nur mit den Augen, sondern regelrecht mit den Händen begreifen zu wollen? Könnt Ihr Euch vorstellen, wieviel Inspiration ich in dieser kurzen Zeit erhielt? 

Hier sind ein paar Fotos der Exponate, die mich am meisten beeindruckt haben. Die Titel der Werke und die Namen der Künstlerinnen habe ich eingefügt und verlinkt, wenn möglich.

Dieses große Wandpaneel von Kaija Paltto heißt „Der weise Ratschlag der Vorfahren“. Die Künstlerin verarbeitet finnische Schafwolle und beruft sich auf die alten Traditionen und Materialien der Lappen und Finnen, die sie in ihren Filzobjekten verarbeitet. Sie wohnt in Lappland, in Nordfinnland, und ist mit einem Samen verheiratet.

Das farbenfrohe Gehänge von Anne Ohra-Aho heißt „Scheema“ und verbreitet gute Laune. Die zusammenhängenden Flächen bilden z.B. durch verschiedene Dreiteilungen eine gewisse Regelmäßigkeit, die durch die lockeren Verbindungen zwischen den Elementen wieder aufgehoben werden. Schön zu beobachten ist auch die Schattenbildung an der Wand, da das Gehänge als frei hängendes Objekt installiert wurde.

Diese luftig, lockere Arbeit von Kikka Jelisejeff mit dem Titel „Herde“ ist filztechnisch großartig gelöst und gefiel mir ebenfalls sehr. Ich stelle mir vor, dass die Wölbungen Schafe sein können, von denen einige schwarze dabei sind. Was meint Ihr? Welche Assoziationen kommen Euch?

Wow, was für ein gefilztes Powerpaket. Dies ist eine Tasche, die man über dem Arm oder in der Hand tragen kann. Die roten Kugeln bilden den Henkel. Sie ist – wie das Foto beweist- außerdem ein wunderbares Designobjekt, das schon beim Anschauen Freude verbreitet. Mari Jalava nennt sie passender Weise „Freude- und Fröhlichkeitstaschen & Liebeskörbe“. Wer mit ihnen unterwegs ist, fällt auf, und nimmt dies gern in Kauf.

Das nächste Objekt, das mir besonders gut gefiel macht dem Titel der Ausstellung alle Ehre. Die Ausstellung heißt „Filz für morgen“ und bedeutet, dass Filz und Wolle immer noch heute als traditionelles Material und alter Werkstoff eine Rolle spielen, und auch in modernen alltäglichen Gegenständen zu finden sind. Hier sind im Fenster der Galerie drei Vorhänge mit dem Titel „Flug“ zu sehen, die Sirpa Mäntylä gestaltete. Die Vögel und der transparente Stoff symbolisieren eine feine Leichtigkeit; dieser Eindruck wird die durch die seitlichen Fransen und das durchbrochene Muster verstärkt.

Das letzte Objekt, ein Bild von Heidi Halm, ist mit dem Wort „Freude“ betitelt und strahlt diese aus. Heidi schreibt im Katalog zur Ausstellung, dass sowohl das Handwerken als auch das Gärtnern gut für die Seele sind. Wie sehr sie damit recht hat und auch meinen Nerv trifft! Ihr Bild strahlt eine Harmonie aus, die einen Einklang mit Körper und Seele vermuten lässt. Die pastellene Farbgebung fügt sich harmonisch in die Gesamtaussage des Bildes ein und lässt die Tänzerin grazil wirken.

Eine ganz persönliche deutsch-finnische Filzbegegnung

Beim Betrachten der Exponate erzählte ich Sirpa, dass es in Deutschland, insbesondere dort, wo ich wohne, nicht so häufig Filzausstellungen geben würde, schon gar nicht im Umfang wie diese hier. Oft ist es dem Zufall überlassen, über Ausstellungen informiert zu sein. Wie gern erinnere ich mich an die Ausstellung der finnischen Filzvereinigung in Wuppertal zurück, die ich vor ziemlich genau vier Jahren besuchte. Schon dort waren mir die Farben und die Vielfalt der Exponate und die Liebe zur Wolle aufgefallen. Ich erinnere mich genau an meinen Eintrag in das Gästebuch. Auch in Helsinki trug ich mich in das Gästebuch ein, als Erste, noch bevor die Ausstellung überhaupt begonnen hatte. Welche Ehre wurde mir dort zuteil! Sirpa meinte scherzhaft, mein Eintrag könnte als so eine Art Kontrollabnahme der Europäischen Union verstanden werden. Es ist kaum zu glauben, dass Finnland erst 1995 Mitglied der EU wurde. 

Schaut mal, zwei Filzerinnen unter sich. Die eine mit einem gefilzten Kettenanhänger, die andere mit ihrer gefilzten Handytasche. Sirpa schenkte mir den Katalog der Ausstellung und ein Paket mit wunderschönen, liebevoll gestalteten Postkarten, die speziell für diese Ausstellung gedruckt wurden und Details von Filzexponaten zeigen. Für die Ausstellung in Helsinki musste Filtti eine Auswahl vornehmen und einen Kompromiss finden, weil die Ausstellungsräume kleiner als die in Mittelfinnland sind.

Anschließend an den Rundgang durch die Ausstellung lud mich Sirpa in ein schickes Helsinkier Café zu Tee und Lachschnittchen ein. Hmm, war das lecker! 

Ich fragte sie, was sie am meisten an Finnland schätzen würde. Ohne lange zu überlegen, antwortete sie, es seien die unterschiedlichen Jahreszeiten, v.a. die fließenden Übergänge zwischen Frühling und Sommer sowie zum Herbst. Das sei so besonders in Finnland und ganz anders als z.B. im Norden der USA, wo sie früher einmal gewohnt hatte. Dort gebe es sehr kalte Winter und heiße Sommer ohne die milden Übergänge wie in Finnland, die sie so schätzt.

Tatsächlich konnte ich das auch bei meinem kurzen Aufenthalt in Helsinki bestätigen. Die Bäume wiesen ein sattes, helles Grün auf, dem kein Foto dieser Welt gerecht wird, und in der Sonne war es angenehm warm, im Schatten kühl, aber nicht kalt. Die Sonne verwöhnte mich an den drei Tagen mit jeweils über 15 Stunden täglich. Der pastellfarbene Himmel spät abends erinnerte mich an den von Nordisland im letzten Sommer. Als wenn jemand einen Pinsel geschwungen hätte. 

Voller neuer Eindrücke und Inspiration zum Filzen und dem Wunsch weiterhin viele Filzausstellungen in Deutschland und international zu dokumentieren, flog ich nach Hause und werde noch lange an diese besondere Filzbegegnung zurückdenken. Kiitos, liebe Sirpa! Das ist das finnische Wort für „Danke“. 

Ausstellung „Verdichtung“ mit Filzobjekten in Gladbeck

Als ich hörte, dass in unmittelbarer Nähe eine Ausstellung mit gefilzten Objekten der bekannten und namhaften Künstlerinnen Beatrix Schaaf-Giesser und Esther Weber zu sehen ist, ließ ich alles stehen und liegen und schaute sie mir an.

In Kooperation mit der Galerie Werk4Art entstand die Ausstellung in der Alten Spedition in Gladbeck. Fünf Künstlerinnen verwendeten verschiedenste Materialien, um sich dem Thema „Verdichtung“ zu nähern.

Esther Weber gelang es auf beeindruckende feine und edle Weise Wolle und Filz fern der konventionellen Wollweise, z.B. in Zusammenhang mit leicht glänzenden Keramik-Schälchen zu präsentieren, während sich Beatrix Schaaf-Giesser mithilfe von chirurgischem Nahtmaterial dem Thema „Lunge“ nähert. Sie ist als Filzerin bekannt, wählt aber für diese Ausstellung andere Materialien.

Die ansprechenden Ausstellungsräume wirken angenehm zurückhaltend und doch farblich passend zu den vorwiegend naturfarbenen Exponaten, die z.T. im Raum schweben. Die Fotos hier geben nur einen kleinen Einblick.

Von den Ausstellungsstücken von Esther Weber war ich besonders angetan. Zum einen freut es mich als Filzerin sehr, wenn den Materialien „Wolle“ und „Filz“ Raum und Öffentlichkeit gegeben werden. Zum anderen überlege ich aus filztechnischer Sicht, wie Esther Weber diese Kunstwerke anfertigte.

Wer sich ebenfalls ein Bild dieser kleinen, aber feinen Ausstellung machen möchte, hat bis zum 16. Juni 2019 die Gelegenheit. Weitere Infos sind auf der Website der Alten Spedition in Gladbeck zu finden. Von mir gibt es eine klare Empfehlung!

Ausstellung „Frauenzimmer“ in Siegburg

Vor einem Jahr war ich das erste Mal in Siegburg und schaute mir die Ausstellung „Soul of Felt“ an. Damals stellten Filzerinnen aus dem russischsprachigen Raum ihre Arbeiten aus und demonstrierten live wie sie filzten. Es war mit Abstand die beste Filzausstellung, die ich je gesehen habe!  Und das sind ja mittlerweile einige. Hier ist eine Zusammenstellung. Von allen Ausstellungen, die ich bisher besuchte, gibt es einen Bericht.

Die Ausstellung in diesem Jahr ist ebenfalls von Ricarda Aßmann organisiert und kuratiert. „Frauenzimmer“ mit dem Zusatz „WeibsBilder und textile Geschichten“ zeigt vom 02. September bis zum 15. Oktober 2017 in der Kunsthalle des JungenForumKunst Siegburg e.V. (täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet) Arbeiten von 20 Filz- und Textilkünstlerinnen aus 6 Nationen.

Jede der Künstlerinnen hat in der Halle einen Bereich, sozusagen ihr Zimmer. Es ist schier unglaublich, welche Vielfalt präsent ist. Besonders gut gefallen mir die Arbeiten von Sandra Struck-Germann, Ricarda Aßmann, Karen Betty Tobias (bei allen 3 habe ich schon Kurse besucht), Yvonne Zoberbier und Kira Outembetova.

Hier seht Ihr einige Details der ausgestellten Arbeiten. Sie sollen anregen, die Ausstellung zu besuchen, deshalb poste ich hier nur Details und nur wenige Fotos. Es lohnt sich sehr, nach Siegburg zu fahren. Es ist geradezu unfassbar, welche Arbeit, Mühe, Kraft, Kreativität und welches Durchhaltevermögen und Wissen über Materialien und Techniken in jeder Arbeit steckt.

Das Begleitprogramm ist mit Live-Demonstration und Workshops abwechslungsreich gestaltet.

Den krönenden Abschluss bildet der Shop der Ausstellung: handgefärbte, feine Wolle, umfilzte Notizbücher, Taschen, Anhänger, Anstecker, Knöpfe, Walkwerkzeuge, Teewärmer und Schlüsselpüppchen sind nur einige der Schätze. Letztere sind von unglaublicher Farbigkeit und strahlen eine feine Wärme aus. Seht selbst!

Meine Empfehlung: Fahrt unbedingt hin und bestaunt diese vielfältige Auswahl der heutigen Filz- und Textilwelt!

Teilnahme an der Ausstellung „Sea & Sky“

Erinnert Ihr Euch an diese Filzverarbeitung meines Karibikurlaubs vom Sommer 2015?

Mit diesem Objekt bewarb ich mich um die Teilnahme an der Ausstellung „Sky & Sea“ der International Feltmakers Association, die in wenigen Tagen in Belsey Bridge in Großbritannien stattfinden wird. Dafür musste das Objekt einen Namen bekommen. Ich entschied mich für „mer-shell“, eine Zusammensetzung von „mermaid“ und „seashell“.

Auf der Fotocollage oben sehr Ihr, dass die Bewerbung erfolgreich war: Das Päckchen ist mittlerweile in London bei den Organisatoren angekommen und wird – neben der Ausstellung in Belsey Bridge – bei mehreren Woll-/Faser- und Filzevents in Großbritannien gezeigt und in etwas mehr als einem Jahr zu mir zurückkehren.

FilzSis unterwegs – Ausstellung in der Buchhandlung „Alex liest Agathe“

Es ist kaum ein paar Tage her, da resümierte ich meine Filzträume von 2016 und stellte fest, dass sich der Traum einer Ausstellung nur halb erfüllt hatte. Jetzt, plötzlich, geht dieser Traum in Erfüllung: meine Monster & Tiere sind in der Buchhandlung „Alex liest Agathe“ in Essen ausgestellt.

Erinnert Ihr Euch an diese Monster & Tiere? Jedes von ihnen hat eine kleine Entstehungsgeschichte zu erzählen: das East-Side-Gallery Monster, das Girardethaus Monster, die Serie der Monster Nr. 1, Monster Nr. 2, Monster Nr. 3 und Monster Nr. 4, Monster Nr. 7, Monster Nr. 8, J. Flago und das Brombeerviech, das 2010 im Workshop von Susanne Wetzel in Göttingen entstanden war.

2017.01 Ausstellung 2

Die Monster & Tiere haben Platz genommen im wunderschönen, liebevoll eingerichteten Buchladen von Susanne Böckler. Es sieht ganz so aus, als wenn sie schon zum Inventar gehörten und sich sehr wohl fühlten:

2017.01 Ausstellung 1

Aber seht selbst und schaut Euch meine Monster & Tiere und die liebevoll ausgesuchten Bücher an:

2017.01 Ausstellung 3

Alle Monster & Tiere stehen zum Verkauf.

„Soul of Felt“ – 1. Filzkunst-Ausstellung aus dem russischen Sprachraum in Europa

Dass die russischsprachige Filzwelt sehr aktiv ist und hochwertige Filzkunst herstellt, konnte ich anhand der spannenden Beiträge und außergewöhnlichen Filzobjekte hin und wieder in der Filzzeitschrift filzfun erahnen. Aber das war nichts gegen die Eindrücke, die ich heute gewann… WOW!

Ich war in Siegburg und besuchte die Ausstellung „Soul of Felt„, die erste Filzkunst-Ausstellung aus dem russischen Sprachraum in Europa. Ich bin beeindruckt und fast erschlagen vom vielen Input, den ich in nur 4 Stunden bekam.

2016.09.01 Soul of Felt Es war kein gewöhnlicher Ausstellungsbesuch, sondern eine Live-Demonstration von sechs Künstlerinnen, die in der Ausstellungshalle jeweils ein Filzstück,  i h r  Filzstück, erstellten. Dabei konnte man ihnen zusehen, Fragen stellen, Expertenwissen tauschen, ins Gespräch kommen, die Filzstücke anfassen usw.. Nicht alle Filzkünstlerinnen beherrschten die englische Sprache, aber das machte nichts, denn man konnte sehen, was sie machten, und es waren genug Gäste da, die der deutschen und russischen Sprache mächtig waren und übersetzten.

2016.09.02 Soul of FeltAm besten gefiel mir die Arbeit von Yaroslava Troynich, die Tiere als Handpuppen herstellt, z.B. Eisbären, Braunbären, Füchse, Wildpferde, Störche. Sie zeigte, wie sie ihren Eisbär herstellt. Faszinierend war für mich die Fingerfertigkeit, Genauigkeit und Gleichmäßigkeit, mit der sie vorging. Man merkte deutlich, wie geübt sie ist. Sie arbeitet mit Kammzug, das finde ich schwierig, bei ihr sah es so leicht aus! Und es war auch deutlich, wie gründlich sie arbeitet und dass das Filzteil nur ordentlich und gleichmäßig wird, wenn man sich genug Zeit nimmt.
Schön war es auch, Renata Kraus wieder zu erleben. Bei ihr hatte ich vor Jahren einen Workshop in der Wollfabrik Mönchengladbach belegt. Sie malt mit Wolle und stellt phantastische Blumenbilder her, allerdings legt sie die Wolle nass aus, anders als Sandra Struck-Germann.
Die Arbeiten von Elena Ustinova waren ebenfalls toll. Sie stellt Kleidung aus einer speziellen Seide her und arbeitete heute eine Tunika in Mosaiktechnik mit rautenförmigen Vorfilzstücken. Sie war als erste fertig, Wahnsinn, wie schnell das ging… Da steckt viel Übung und Routine hinter.
Besonders belagert waren Marina Klimschuk und ihre Schuhe. Als es ans Walken der beiden Schuhteile ging, war Kraft gefragt. Marina geizte nicht mit der Weitergabe ihres Knowhow und gab alle möglichen Tipps und Tricks, damit beide Schuhe gleich und fest werden.

Und dann war es natürlich toll, einige der „großen“ deutschsprachigen Filzdamen zu sehen: Ricarda Aßmann, Heidi Greb, Andrea Noeske-Porada. Jedenfalls sind das diejenigen, die ich auf Anhieb erkannt habe 😉

2016.09 Soul of Felt 5

So ging man von Filzerin zu Filzerin durch die große Halle, die etwas versteckt und verwunschen von der Straße weg liegt.

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Zwischen den „Filzstationen“ hingen unzählige Ausstellungsstücke. Viele davon waren geradezu sensationell. Noch nie hatte ich eine Hose aus Filz gesehen oder so tolle und extravagante Kleider. Bei manchen Teilen sah man erst auf den zweiten Blick, dass sie gefilzt waren. Diese Kunststücke sind weitab von dem, was der Laie unter Filz versteht. Unzählige Stunden an Arbeit und jahrelange Expertise stecken dahinter.

2016.09 Soul og Felt 4

Dieser Sonntagsausflug war in vielerlei Hinsicht eine große Bereicherung.

Die Ausstellung kann noch bis zum 2. Oktober in Siegburg im JungenForumKunst Siegburg e.V. Zu sehen.

Filzkolleg: Tag 1 – Wechselbad der Gefühle

Es ist traumhaft – ich bin im Filzland. Ganz weit weg vom Alltag und doch nur knapp 50 km von Essen entfernt. Das Filzkolleg des Filznetzwerk findet in dieser Woche in Düsseldorf statt.

2016.08 Filzkolleg 2

Ich habe die Ehre an einem Kurs bei Sandra Struck-Germann teilzunehmen. Das ist eine große Herausforderung. Es geht darum, ein Foto auf Filz zu übertragen und in Pop-Art mit farbigen Hintergründen mehrfach darzustellen. Fertig, wenn man die Technik beherrscht, sieht es phantastisch aus. Endlich sollte es mir gegönnt sein, diese Technik kennen zu lernen.

Hier seht Ihr die Vorbereitung: ich nahm mir viel vor und möchte das Motiv auf vier Hintergründen darstellen. Der Vormittag steht im Zeichen des Überblicks: Sandra erklärt uns die Technik in groben Zügen, damit wir ungefähr wissen, was auf uns zu kommt. Sie bittet uns, die Fotos der Zwischenschritte nicht zu veröffentlichen. Das ist verständlich, schließlich entwickelte sie diese Technik in jahrelanger, mühevoller Arbeit.

2016.08 Filzkolleg 1

Die schönste und traurigste Begegnung hatte ich in der Mittagspause, denn die verbrachte ich mit Annemie Koenen, die auch am Kurs von Sandra teilnimmt und deren einzigartige Ausstellung ich vor wenigen Wochen in Sittard in den Niederlanden hatte bewundern können. Ich hatte mitbekommen, dass Ihr Bus vollgepackt mit Filzunikaten nach der Ausstellung auf dem Weg nach Berlin zur Textil-Art in Brand geraten war und viele Teile nicht zu retten waren. Als sie mir heute erzählte, dass fast alle Teile der Ausstellung in Sittard nicht mehr existieren, die ich gesehen und bestaunt hatte, war ich tief getroffen: 67 Teile aus 12 Jahren Filztätigkeit – ihr „Lebenswerk“, wie sie heute selbst sagte…

Der Nachmittag brachte mich an meine Grenzen, was das Durchhaltevermögen und die Frustrationstoleranz angeht. Die 3-dimensionale Filzdarstellung lässt sich am besten durch die Fotoansicht des Handys 2-dimensional betrachten, aber trotz enormer Anstrengung meinerseits, die Fotovorlage möglichst genau auf die Filzhintergründe zu übertragen, wollte sich keine Ähnlichkeit mit meinem Portrait einstellen. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl nichts richtig gelegt und positioniert zu haben und überlegte sogar kurzzeitig, den Kurs abzubrechen und frustriert nach Hause zu fahren.

Die Stille im Kursraum, meist nur von den einschätzenden, aufmunternden und motivierenden Bemerkungen von Sandra unterbrochen, zeugte von hoher Konzentration aller Teilnehmerinnen, von denen viele sehr filzerfahren sind, weil sie z.B. die Filzausbildung bei Wollknoll in Oberrot durchlaufen haben. Ich kämpfte weiter, fuhr nicht nach Hause, sondern machte eine Pause.

Ausgelegt ist die Wolle nun auf allen vier Hintergründen. Morgen früh wird noch einmal kontrolliert und sicherlich hier und da verändert. Die Kinnpartie stimmt nicht, die Brille ist ein fast unüberwindliches Hindernis. Dann erst beginnt der eigentliche Filzprozess. Ich bin gespannt, was morgen als Ergebnis rauskommt. Aber darum geht es nicht wirklich, denn ist ein bisschen wie in Rio bei den Olympischen Spielen: „Dabeisein ist alles.“. Es gibt so viele bemerkenswerte und namhafte Filzerinnen. Und ganz viele von ihnen sind hier versammelt, sodass ich heute morgen bei der Begrüßung gar nicht aus dem Staunen herauskam. Was für Erfahrungen und Erlebnisse im Filzland in Düsseldorf! Ein Wechselbad der Gefühle am ersten Tag.