Große Filzausstellung in Budapester Palast

Sicher wissen viele Filzbegeisterte, von welcher Ausstellung ich berichte, denn viele Bilder und Eindrücke sind bereits bei der Eröffnung am 06. Juni 2019 durch das World Wide Web gegangen. Unter anderem waren diese Fotos ausschlaggebend, Budapest einen Besuch abzustatten. Und was soll ich schreiben? Es hat sich gelohnt, sehr sogar. 

Es geht um die Ausstellung „Filzstrasse vom Orient zum Okzident“ anlässlich des 40. Jahrestages zum Wiederaufleben des alten Handwerks. Die ungarischen Filzgrößen Mari Nagy, István Vidák und Anna Vidák organisierten diese Ausstellung unter Beteiligung von fünfzig hauptsächlich ungarischen, aber auch internationalen Filzern. Das folgende Foto zeigt das Ausstellungsplakat mit den Namen aller beteiligten Filzkünstler.

Die Ausstellung war in drei Räumen im wunderschönen Palast Vigadó direkt an der Donau untergebracht, wo sich u.a. die ungarische Akademie der Künste und ein Konzertsaal befinden. Der Hauptausstellungsraum ist durch große, hohe Fenster herrlich lichtdurchflutet (s. Foto) und zaubert ein edles, feines, den Exponaten würdiges Ambiente. 

In meinem Bericht erfahrt Ihr Details über

  • den Hauptraum der Ausstellung, den Ihr vielleicht schon von meinen Posts auf Facebook und Instagram oder den Fotos der Ausstellungseröffnung kennt,
  • alte Bekannte, die mir in der Filzszene immer wieder begegnen,
  • neue Gesichter, auf die ich aufmerksam wurde,
  • mein persönliches Highlight der Ausstellung,
  • mein Fazit und Dankeschön.

Ich verlinke alle Filzkünstler, die genannt werden oder deren Werke ich vorstelle. Entweder landet Ihr auf deren Website oder bei einem Youtube Video oder einem Interview oder einem Artikel, wo Ihr mehr Informationen zu den einzelnen Personen bekommt.

Doch nun zu meinem Bericht und meinen Lieblingsexponaten:

 

Der Hauptraum

Im Zentrum des Hauptraumes hängen 40 weiße nunogefilzte Fahnen, die von unterschiedlichen Filzkünstlern erstellt wurden und 40 Jahre gemeinsames Filzen repräsentieren. Geehrt werden damit vor allem die Organisatoren Mari Nagy und István Vidák, die mit ihrem unermüdlichen Einsatz das traditionelle Handwerk des Filzens u.a. in internationalen Filzkonferenzen in Ungarn verbreitet haben. Gerade bei dieser Ausstellung werden meine Fotos den exquisiten Exponaten kaum gerecht, denn es ist schwer die Textur und v.a. die Dimension der Filzunikate wiederzugeben, zumal viel Großformatiges zu bestaunen war.

Wie immer bei meinen Ausstellungsrückblicken möchte ich Euch auf meine persönlichen Highlights aufmerksam machen. Aus der Fülle der Exponate wählte ich zehn Exponate aus.

Im Hauptausstellungsraum wurde meine Aufmerksamkeit sogleich auf das Werk im Zentrum des Raumes gelenkt, „Open – Close“ von Ursina Hitz Jörimann gelenkt. Es sieht aus wie ein aufgeschlagenes Buch, bei dem die Seiten aneinander hängen. Es könnte auch ein Fächer sein oder eine Dokumentenmappe mit verschiedenen Abteilungen. Ihr merkt, den Assoziationen sind keine Grenzen gesetzt. Wie ist es nur hergestellt? Vermutlich mit unzähligen Schablonen und zwischengelegten Folien. Wahnsinn! 

 

Alte Bekannte

Es ist immer wieder schön, Werke von Filzerinnen zu betrachten, die ich bewundere und bei denen ich gern einen Workshop machen würde. So erging es mir mit vier Filzerinnen, die in Budapest vertreten waren. Zum einen ist dies Anette Quentin Stoll. Unverkennbar sind ihre zwei ausgestellten Werke. Hier zeige ich Euch „Soft Ornament“. Sie es nicht toll aus? So eine schlichte, traditionelle Form ist außerordentlich kunstvoll umgesetzt. Ich blättere gern in ihren kleinen, liebevoll inszenierten Büchern mit so vielen Anregungen, die ich gern als Bilderbuch für Erwachsene bezeichne. 

Zum anderen ging es mir mit den Objekten von Gabriella Kovács so, die ich schon in Siegburg in der Ausstellung „Frauenzimmer“ 2017 bewundern durfte. Sie haben einen unvergleichlichen Wiedererkennungswert. Neben ihren großen Gefäßen mit unglaublichen Details faszinierte mich das Wandbild „In the Water IV“ mit einem detailreichen bunten Fisch, mit Wolle eingefasst, auf blauem Hintergrund. Was für eine Farbigkeit Filz ausmachen kann, wird hier besonders deutlich. Außerdem kommt es mir so vor, als wenn der Fisch tatsächlich schwimmt und das Wasser sich wellenartig bewegt. 

Anikó Boros stellt Schmuck her, dessen Beschaffenheit den Filz als Werkstoff gar nicht erkennen lässt, so fein ist er gefertigt. Ihre Kette bildete mit den organischen Formen und Rundungen ein stimmiges Ensemble mit einem gefilzten Outfit. Meiner Kamera ging es so wie mir, sie wusste nicht genau, auf welche Oberflächenstruktur sie sich fokussieren sollte, weshalb die Kette ein wenig unscharf daherkommt. 

Mehrere Exponate waren von Judit Tóth-Pócs. Zum einen fielen mir zwei Wandbehänge mit dem Titel „Spoons I-II“ auf, die mit ihrer zurückhaltenden Farbigkeit die Löffel aus Pailletten hervorbringen als wären sie aufgebracht. Dabei sieht man bei genauerem Betrachten, dass sie in mühevoller Arbeit eingearbeitet wurden. Ein tolles Werk, dass die matte Filzoberfläche nutzt, um die schimmernden Pailletten besonders hervortreten zu lassen. Von weitem sieht es aus, als wäre echtes Besteck ausgestellt.

Im dritten Raum im Untergeschoss waren 3D-Objekte untergebracht, u.a. Kleidung. Ins Auge stach ein blaues Kleid von May J. Hvistendahl aus Norwegen. Bei ihr hatte ich vor Jahren in Oberrot bei Wollknoll in einem Kurs ein Kleid in ihrer speziellen Technik angefertigt. An diesen international besetzten, lehrreichen, schönen, aber auch anstrengenden Kurs im süddeutschen Filzerparadies erinnere ich mich sehr gern zurück. 

 

Neue Gesichter

Natürlich gab es viel Neues zu entdecken:

Gleich zu Beginn im ersten Raum fiel mein Blick auf einen großen hellgrünen Wandbehang von Lívia Tóth mit Metalleffekten und der typischen Filzstruktur. Das sind genau meine Farben. Außerdem kontrastiert das schimmernde Silber mit der eher stumpfen Oberfläche der Wolle.

 

Im Hauptraum zog ein großer runder Wandbehang oder Teppich meine Aufmerksamkeit auf sich. Es handelt sich um „Summer Sun“ der Jahreszeiten-Serie von Mari Nagy. Der dick gefilzte Teppich in strahlenden Pastellfarben gibt die ungarische Witterung draußen mit Sonnenschein und 32°C genau wieder. Was für ein immens fröhlicher Filz. 

Ein weiteres traditionelles Werkstück ist dieser Wandbehang von Zsófia Lévai in der Shirdak-Technik. Seht Ihr, dass die ausgeschnittenen Teile von oben im unteren Teil wieder auftauchen? So etwas würde ich ja gern mal ausprobieren… Wieder konnte ich viele neue Filzspirationen (= Filz + Inspirationen) mit nach Hause nehmen. 

 

Mein Highlight

Mein absolutes Highlight möchte ich Euch zum Schluss vorstellen: 

Es ist ein dreiteiliges Wollgemälde von Csille Márti mit dem Titel „Waiting with Dots on the Stomach“ mit einem atemberaubenden Farbverlauf in blau, grün und violett mit einem Pfau in der Mitte, der aufgestickte Punkte auf der Brust hat. Und schaut Euch das Detailfoto an. Sieht der Vogel nicht toll aus? 

 

Mein Fazit 

Ich hatte das Glück kurz vor Ausstellungsende in Budapest eine vielseitige, bunte Filzausstellung, zu bestaunen, die traditionelles Handwerk mit modernen Elementen verbindet und mit großem Aufwand in einem wunderbaren Ambiente präsentiert wurde. Sie zeigte, dass die hochkarätige Filzkunst eng mit Ungarn verbunden und gleichzeitig international vernetzt ist und macht ihrem Motto „Felt the World together“ alle Ehre.

Einen wunderbaren Artikel von Johanna Rösti in englischer Sprache zur Ausstellung, der Eröffnung und dem Rahmenprogramm in Budapest möchte ich Euch ans Herz legen. Ihr findet ihn auf der Website der International Feltmakers Association und er ist hier verlinkt.

Ich bedanke mich herzlich bei Lesti Árpád vom Palast Vigadó für die Fotogenehmigung und bei Corinna Nitschmann für die Unterstützung, diesen Bericht zu schreiben. Auch sie ist mit mehreren Exponaten vertreten, u.a. mit einer der 40 weißen Fahnen aus Wolllocken:

„Soul of Felt“ – 1. Filzkunst-Ausstellung aus dem russischen Sprachraum in Europa

Dass die russischsprachige Filzwelt sehr aktiv ist und hochwertige Filzkunst herstellt, konnte ich anhand der spannenden Beiträge und außergewöhnlichen Filzobjekte hin und wieder in der Filzzeitschrift filzfun erahnen. Aber das war nichts gegen die Eindrücke, die ich heute gewann… WOW!

Ich war in Siegburg und besuchte die Ausstellung „Soul of Felt„, die erste Filzkunst-Ausstellung aus dem russischen Sprachraum in Europa. Ich bin beeindruckt und fast erschlagen vom vielen Input, den ich in nur 4 Stunden bekam.

2016.09.01 Soul of Felt Es war kein gewöhnlicher Ausstellungsbesuch, sondern eine Live-Demonstration von sechs Künstlerinnen, die in der Ausstellungshalle jeweils ein Filzstück,  i h r  Filzstück, erstellten. Dabei konnte man ihnen zusehen, Fragen stellen, Expertenwissen tauschen, ins Gespräch kommen, die Filzstücke anfassen usw.. Nicht alle Filzkünstlerinnen beherrschten die englische Sprache, aber das machte nichts, denn man konnte sehen, was sie machten, und es waren genug Gäste da, die der deutschen und russischen Sprache mächtig waren und übersetzten.

2016.09.02 Soul of FeltAm besten gefiel mir die Arbeit von Yaroslava Troynich, die Tiere als Handpuppen herstellt, z.B. Eisbären, Braunbären, Füchse, Wildpferde, Störche. Sie zeigte, wie sie ihren Eisbär herstellt. Faszinierend war für mich die Fingerfertigkeit, Genauigkeit und Gleichmäßigkeit, mit der sie vorging. Man merkte deutlich, wie geübt sie ist. Sie arbeitet mit Kammzug, das finde ich schwierig, bei ihr sah es so leicht aus! Und es war auch deutlich, wie gründlich sie arbeitet und dass das Filzteil nur ordentlich und gleichmäßig wird, wenn man sich genug Zeit nimmt.
Schön war es auch, Renata Kraus wieder zu erleben. Bei ihr hatte ich vor Jahren einen Workshop in der Wollfabrik Mönchengladbach belegt. Sie malt mit Wolle und stellt phantastische Blumenbilder her, allerdings legt sie die Wolle nass aus, anders als Sandra Struck-Germann.
Die Arbeiten von Elena Ustinova waren ebenfalls toll. Sie stellt Kleidung aus einer speziellen Seide her und arbeitete heute eine Tunika in Mosaiktechnik mit rautenförmigen Vorfilzstücken. Sie war als erste fertig, Wahnsinn, wie schnell das ging… Da steckt viel Übung und Routine hinter.
Besonders belagert waren Marina Klimschuk und ihre Schuhe. Als es ans Walken der beiden Schuhteile ging, war Kraft gefragt. Marina geizte nicht mit der Weitergabe ihres Knowhow und gab alle möglichen Tipps und Tricks, damit beide Schuhe gleich und fest werden.

Und dann war es natürlich toll, einige der „großen“ deutschsprachigen Filzdamen zu sehen: Ricarda Aßmann, Heidi Greb, Andrea Noeske-Porada. Jedenfalls sind das diejenigen, die ich auf Anhieb erkannt habe 😉

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So ging man von Filzerin zu Filzerin durch die große Halle, die etwas versteckt und verwunschen von der Straße weg liegt.

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Zwischen den „Filzstationen“ hingen unzählige Ausstellungsstücke. Viele davon waren geradezu sensationell. Noch nie hatte ich eine Hose aus Filz gesehen oder so tolle und extravagante Kleider. Bei manchen Teilen sah man erst auf den zweiten Blick, dass sie gefilzt waren. Diese Kunststücke sind weitab von dem, was der Laie unter Filz versteht. Unzählige Stunden an Arbeit und jahrelange Expertise stecken dahinter.

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Dieser Sonntagsausflug war in vielerlei Hinsicht eine große Bereicherung.

Die Ausstellung kann noch bis zum 2. Oktober in Siegburg im JungenForumKunst Siegburg e.V. Zu sehen.