Eine finnisch-deutsche Filzerbegegnung in Helsinki – Preview der Ausstellung „Filz für morgen“

Manchmal ist es wie verhext und eine Filzausstellung jagt die nächste. Diese Woche konnte ich gleich zwei Ausstellungen besuchen. Über die eine in der Alten Spedition in Gladbeck berichtete ich bereits, die andere ist vom 03. Juni bis zum 31. Juli 2019 in Helsinki in Finnland zu bestaunen.

Wie kann das sein, denkt Ihr als pfiffige Leserinnen und Leser? Sie postet den Beitrag am 02. Juni und die Ausstellung ist erst ab 03. Juni zu sehen? Wie soll das denn gehen? Liebe Filzbegeisterte, ich bin in den Genuss eines Previews dieser Ausstellung gekommen und möchte Euch genau darüber berichten. Es geht sozusagen um eine kleine deutsch-finnische Filzbegegnung. Dafür muss ich ein wenig ausholen…

Städtereisen oder wie ich nach Helsinki zur Filzausstellung kam

Citytrips sind etwas Feines. Selten gelingt es in so kurzer Zeit so viel Neues zu erkunden und zu erleben, neue Eindrücke zu sammeln und zu verarbeiten, weit weg vom Alltag in eine andere Welt einzutauchen. Den folgenden Spruch über das Reisen kann ich zu 100% bestätigen:

„Travelling – it leaves you speechless, then turns you into a storyteller.“ – Ibn Battuta

(„Reisen macht einen zuerst sprachlos, dann wird man zum Geschichtenerzähler.“)

So war ich neugierig auf ein neues Land als ich zu einer Städtereise nach Helsinki aufbrach. Norwegen, Schweden, Dänemark und Island hatte ich von den nordischen Ländern bereits z.T. mehrfach bereist. Nun war Finnland mit Helsinki an der Reihe. 

Na ja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Versteht mich nicht falsch! Wenn man Helsinki bereist hat, kann man natürlich nicht behaupten Finnland gesehen zu haben. Wenn ich Berlin gesehen habe, kenne ich auch nicht Deutschland. Aber mit der Besichtigung der Hauptstadt war ein finnischer Anfang gemacht. Schließlich muss es immer etwas geben, wofür es sich lohnt wiederzukommen. 

Doch, liebe Filzinteressierte, was soll mein Geschwafel über das Reisen, wenn es ums Filzen gehen sollt? Schließlich seid Ihr auf meiner Website und auf diesem Blog gelandet, um darüber etwas Neues über das Filzen zu erfahren und nicht, um einen Reisebericht zu Helsinki zu lesen. Keine Sorge, ich komm gleich zur Sache.

Bei der Vorbereitung dieser Reise nach Helsinki, der ich ausgiebig Zeit widmete, sei es wegen der Besichtigungsmöglichkeiten, der Öffnungszeiten, der Essensangebote und der Transportbedingungen, stieß ich auf den Design District Helsinki. Dass finnisches Design eine große Rolle spielt, wusste ich, konnte ich doch auch schon vor meiner Reise mehrere finnische Designmarken benennen, dass viel Handgefertigtes und Handwerkliches vermarktet wird, fand ich heraus und fand das sehr ansprechend. 

So kam ich zufällig auf die Website des Craft Corner Helsinki und erfuhr, dass einen Tag nach meiner Abreise eine Ausstellung der finnischen Filzvereinigung eröffnet werden sollte. Die Ausstellung „Felt for Tomorrow“ wurde anlässlich des 20jährigen Bestehens der finnischen Filzvereinigung in der Craftcorner Taito Gallery gezeigt. Zuvor war sie im Craft Museum von Finnland in Jyväskylä zu sehen. Ein Bericht darüber ist in der aktuellen Filzfun zu lesen. 

Auf der Website des Craft Corner war der Kontakt zu Sirpa Mäntylä abgedruckt, der ich spontan ein paar Tage vor meiner Abreise eine Email schickte und ihr alles Gute für die Ausstellung wünschte. Prompt erhielt ich eine Antwort UND eine Einladung die Ausstellung in der Gallerie im Taitu Shop an der Prachtstrasse Eteläesplanadi zwei Tage vorher anzuschauen und sie persönlich kennenzulernen.

WOW!

Dieses Angebot nahm ich selbstverständlich an und war mächtig aufgeregt diese einmalige Möglichkeit wahrnehmen zu dürfen. Als kleines Mitbringsel aus Deutschland filzte ich das olivgrüne Lavendelsäckchen, das Ihr bereits aus dem vorherigen Beitrag kennt. Erinnert Ihr Euch?

In der Galerie empfing Sirpa mich sehr herzlich mit einer Umarmung. Wie schön, dachte ich, Filzerinnen unter sich bilden überall auf der Welt eine einzigartige Community.

Sie führte mich durch die Ausstellung und zeigte mir die Exponate, die bereits an der Wand hingen. Einen Einblick seht Ihr auf dem Foto oben. Z.T. fehlten die feinen Tafeln mit Namen und Titeln und hier und da das Finetuning. Im hinteren Bereich stand noch eine Leiter und einige Exponate warteten auf die Hängung am nächsten Tag. Sirpa bot mir trotzdem an, Fotos zu machen und fing an, mir einzelne Exponate zu erklären. Toll, dass ich alles anschauen konnte, obwohl es noch nicht perfekt für die Vernissage vorbereitet war.

Den Anfang machten die nichtfinnischen Mitglieder der Vereinigung. Darunter waren mir bekannte Namen wie Susanne Breuling oder Sigrid Bannier oder Caroline Merrell. Schnell kamen Sirpa und ich ins Gespräch, als ich von den Filzkursen erzählte, die ich besuchte, z.B. bei Sigrid Bannier vor zwei Jahren beim Filzkolleg in Düsseldorf und wir uns über den Stellenwert des Filzens in unseren Leben unterhielten.

In Finnland hätte vor Jahren – wie in Deutschland auch – noch größeres Interesse für das Filzen bestanden, berichtete sie, aber mittlerweile würden die Leute wieder Lust darauf haben, Gefilztes anzuschauen und anzufassen und auch Kurse besuchen. Mir scheint, dass Filtti sehr aktiv ist und mehrere Ausstellungen im Jahr organisiert. Sirpa erklärte, dass es eine jährliche Ausstellung in Jämsä, in Mittelfinnland gebe, die ich unbedingt besuchen sollte.

Meine Lieblngswerke im Überblick

Sirpa hatte zu jedem Exponat eine kleine Geschichte parat und kannte die Hintergründe der Filzerinnen. Ich staunte über die sagenhafte Vielfalt an Techniken und Gegenständen, ganz abgesehen von der Farbwucht, die ich erleben durfte. Sogar vorsichtiges Anfassen war erlaubt, um die feste Filzqualität zu begutachten. Kennt Ihr das Bedürfnis, in Filzausstellungen die Exponate nicht nur mit den Augen, sondern regelrecht mit den Händen begreifen zu wollen? Könnt Ihr Euch vorstellen, wieviel Inspiration ich in dieser kurzen Zeit erhielt? 

Hier sind ein paar Fotos der Exponate, die mich am meisten beeindruckt haben. Die Titel der Werke und die Namen der Künstlerinnen habe ich eingefügt und verlinkt, wenn möglich.

Dieses große Wandpaneel von Kaija Paltto heißt „Der weise Ratschlag der Vorfahren“. Die Künstlerin verarbeitet finnische Schafwolle und beruft sich auf die alten Traditionen und Materialien der Lappen und Finnen, die sie in ihren Filzobjekten verarbeitet. Sie wohnt in Lappland, in Nordfinnland, und ist mit einem Samen verheiratet.

Das farbenfrohe Gehänge von Anne Ohra-Aho heißt „Scheema“ und verbreitet gute Laune. Die zusammenhängenden Flächen bilden z.B. durch verschiedene Dreiteilungen eine gewisse Regelmäßigkeit, die durch die lockeren Verbindungen zwischen den Elementen wieder aufgehoben werden. Schön zu beobachten ist auch die Schattenbildung an der Wand, da das Gehänge als frei hängendes Objekt installiert wurde.

Diese luftig, lockere Arbeit von Kikka Jelisejeff mit dem Titel „Herde“ ist filztechnisch großartig gelöst und gefiel mir ebenfalls sehr. Ich stelle mir vor, dass die Wölbungen Schafe sein können, von denen einige schwarze dabei sind. Was meint Ihr? Welche Assoziationen kommen Euch?

Wow, was für ein gefilztes Powerpaket. Dies ist eine Tasche, die man über dem Arm oder in der Hand tragen kann. Die roten Kugeln bilden den Henkel. Sie ist – wie das Foto beweist- außerdem ein wunderbares Designobjekt, das schon beim Anschauen Freude verbreitet. Mari Jalava nennt sie passender Weise „Freude- und Fröhlichkeitstaschen & Liebeskörbe“. Wer mit ihnen unterwegs ist, fällt auf, und nimmt dies gern in Kauf.

Das nächste Objekt, das mir besonders gut gefiel macht dem Titel der Ausstellung alle Ehre. Die Ausstellung heißt „Filz für morgen“ und bedeutet, dass Filz und Wolle immer noch heute als traditionelles Material und alter Werkstoff eine Rolle spielen, und auch in modernen alltäglichen Gegenständen zu finden sind. Hier sind im Fenster der Galerie drei Vorhänge mit dem Titel „Flug“ zu sehen, die Sirpa Mäntylä gestaltete. Die Vögel und der transparente Stoff symbolisieren eine feine Leichtigkeit; dieser Eindruck wird die durch die seitlichen Fransen und das durchbrochene Muster verstärkt.

Das letzte Objekt, ein Bild von Heidi Halm, ist mit dem Wort „Freude“ betitelt und strahlt diese aus. Heidi schreibt im Katalog zur Ausstellung, dass sowohl das Handwerken als auch das Gärtnern gut für die Seele sind. Wie sehr sie damit recht hat und auch meinen Nerv trifft! Ihr Bild strahlt eine Harmonie aus, die einen Einklang mit Körper und Seele vermuten lässt. Die pastellene Farbgebung fügt sich harmonisch in die Gesamtaussage des Bildes ein und lässt die Tänzerin grazil wirken.

Eine ganz persönliche deutsch-finnische Filzbegegnung

Beim Betrachten der Exponate erzählte ich Sirpa, dass es in Deutschland, insbesondere dort, wo ich wohne, nicht so häufig Filzausstellungen geben würde, schon gar nicht im Umfang wie diese hier. Oft ist es dem Zufall überlassen, über Ausstellungen informiert zu sein. Wie gern erinnere ich mich an die Ausstellung der finnischen Filzvereinigung in Wuppertal zurück, die ich vor ziemlich genau vier Jahren besuchte. Schon dort waren mir die Farben und die Vielfalt der Exponate und die Liebe zur Wolle aufgefallen. Ich erinnere mich genau an meinen Eintrag in das Gästebuch. Auch in Helsinki trug ich mich in das Gästebuch ein, als Erste, noch bevor die Ausstellung überhaupt begonnen hatte. Welche Ehre wurde mir dort zuteil! Sirpa meinte scherzhaft, mein Eintrag könnte als so eine Art Kontrollabnahme der Europäischen Union verstanden werden. Es ist kaum zu glauben, dass Finnland erst 1995 Mitglied der EU wurde. 

Schaut mal, zwei Filzerinnen unter sich. Die eine mit einem gefilzten Kettenanhänger, die andere mit ihrer gefilzten Handytasche. Sirpa schenkte mir den Katalog der Ausstellung und ein Paket mit wunderschönen, liebevoll gestalteten Postkarten, die speziell für diese Ausstellung gedruckt wurden und Details von Filzexponaten zeigen. Für die Ausstellung in Helsinki musste Filtti eine Auswahl vornehmen und einen Kompromiss finden, weil die Ausstellungsräume kleiner als die in Mittelfinnland sind.

Anschließend an den Rundgang durch die Ausstellung lud mich Sirpa in ein schickes Helsinkier Café zu Tee und Lachschnittchen ein. Hmm, war das lecker! 

Ich fragte sie, was sie am meisten an Finnland schätzen würde. Ohne lange zu überlegen, antwortete sie, es seien die unterschiedlichen Jahreszeiten, v.a. die fließenden Übergänge zwischen Frühling und Sommer sowie zum Herbst. Das sei so besonders in Finnland und ganz anders als z.B. im Norden der USA, wo sie früher einmal gewohnt hatte. Dort gebe es sehr kalte Winter und heiße Sommer ohne die milden Übergänge wie in Finnland, die sie so schätzt.

Tatsächlich konnte ich das auch bei meinem kurzen Aufenthalt in Helsinki bestätigen. Die Bäume wiesen ein sattes, helles Grün auf, dem kein Foto dieser Welt gerecht wird, und in der Sonne war es angenehm warm, im Schatten kühl, aber nicht kalt. Die Sonne verwöhnte mich an den drei Tagen mit jeweils über 15 Stunden täglich. Der pastellfarbene Himmel spät abends erinnerte mich an den von Nordisland im letzten Sommer. Als wenn jemand einen Pinsel geschwungen hätte. 

Voller neuer Eindrücke und Inspiration zum Filzen und dem Wunsch weiterhin viele Filzausstellungen in Deutschland und international zu dokumentieren, flog ich nach Hause und werde noch lange an diese besondere Filzbegegnung zurückdenken. Kiitos, liebe Sirpa! Das ist das finnische Wort für „Danke“.