Elizabeth Gilbert: „Big Magic – Creative Living beyond Fear“

Heute poste ich etwas ganz anderes und ganz neues: eine Buchrezension. Und in diesem Buch ist das Filzen noch nicht einmal genannt. Aber Ihr werdet merken, dass es doch sowohl um das Filzen als auch um das Leben im Allgemeinen geht.

Ich stelle Euch ein Buch über Kreativität und den kreativen Prozess von Elizabeth Gilbert vor, das mir eher zufällig im Urlaub an der Ostsee in die Hände fiel. Der englische Titel ist – wie so häufig – sehr viel griffiger und zutreffender für den Inhalt des Buches: „Big Magic: Creative Living beyond Fear“, aber es ist auch eine deutsche Übersetzung mit dem denglischen Titel: „Big Magic: Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen“ verfügbar.

Ich las die englische Version und schrieb aus jedem der fünf Kapitel ein oder zwei Zitate herausgeschrieben, die ich für mich wichtig finde und die ich für Euch in meinen eigenen Worten erklären und kommentieren möchte. Die Kapitelüberschriften erscheinen hier zweisprachig. Ich setzte sie jeweils in ein Foto meines Ostseeurlaubs.

“A creative life is an amplified life. It‘s a bigger life, a happier life, an expanded life, and a hell of a lot more interesting life.“

Gilbert ist der Meinung, dass ein Leben mit Kreativität ein größeres, erweitertes Leben darstellt und sehr viel interessanter ist. Viele, die mich kennen, aber selbst mit dem Filzen nichts am Hut haben, sagen mir oft, dass ich mit dem Filzen einen so wichtigen Teil hätte, um vom Alltag Abstand zu gewinnen, um einen Ausgleich zu haben. Ich schätze mich sehr glücklich und bin unendlich dankbar dafür, dass ich dem Filzen einen ganzen Raum widmen kann und deshalb jederzeit anfangen, unterbrechen und weitermachen kann. Vielleicht ist das der Raum, den das Filzen im übertragenen Sinne in meinem Leben einnimmt? Jedenfalls kann ich Gilbert nur zustimmen. Ohne das Filzen wäre mein Leben weniger glücklich, eingeschränkter und langweiliger.

„Follow your curiosity. Ask questions, sniff around. Remain open.“

Gilbert erklärt, dass kreative Menschen inspiriert werden und sich daraus Ideen entwickeln, die kreativ umgesetzt werden. Sie selbst ist eine erfolgreiche Schriftstellerin –  manche von Euch mögen das Buch „Eat, Pray Love“ kennen, ich selbst habe es noch nicht gelesen. Sie empfiehlt der eigenen Neugier zu folgen, Fragen zu stellen, Herumzuschnüffeln, kurz gesagt, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen. Nur so gelänge es, inspiriert zu werden, die Voraussetzung für neue kreative Ideen.

„You do not need anybody‘s permission to live a creative life. If you are alive, you are a creative person.“

Gilbert ist der Meinung, dass jeder Mensch kreativ sein kann und man keine Erlaubnis dafür benötigt. Auch ich ertappe mich dabei zu denken: „Hmm, soll bzw. darf ich jetzt filzen? Ich müsste doch eigentlich Dies, Das oder Jenes machen.“. Also werde ich mir vornehmen, Dies, Das und Jenes liegen zu lassen und mich dem Filzen zu widmen.

Dazu fällt mir Ricarda Aßmanns Empfehlung ein, Vorfilze anzufertigen und dies als eine Art Entspannung zu sehen, vielleicht sogar Meditation, abends nach einem anstrengenden Tag. Denn beim Legen und Anfilzen der Vorfilze kann man sich ideal darauf konzentrieren und den Alltag Alltag sein lassen.

Gilbert schreibt weiter, dass unsere Befangenheit in uns selbst, unsere Selbstzweifel, unser eigenes Urteil und unsere Tendenz zum Selbstschutz uns von der Kreativität abhält.

Ja, da kann ich mich selbst an die eigene Nase packen… meine Selbstzweifel sind da, das hat auch mit meinem Hang zur Perfektion zu tun, der mir oft im Weg steht; dazu schreibt Gilbert im folgenden Kapitel. Der Selbstschutz tritt dann auf, wenn ich gar nicht erst anfange kreativ zu werden, also zu filzen, weil ich Angst und Sorge habe, das Gefilzte könnte, 1. nicht so gelingen, wie ich es mir vorstelle, oder es könnte 2. nicht gefallen, und es könnte Kritik geübt werden, wenn ich es der (Internet-)Öffentlichkeit präsentiere.

“Often what happens keeps you from creatice living is your self-absorption (your self-doubt, self-disgust, self-judgement, your crushing sense of self-protection).“

Learning how to endure your disappointment and frustration is part of the job of a creative person.“

Gilbert schreibt zum Problem des Selbstschutzes, dass man lernen muss mit Enttäuschung und Frustration umzugehen und dass dies unbedingt ein Teil der Arbeit von kreativen Menschen sei. Ich denke, sie meint, dass man aus Enttäuschung und Frustration lernen kann und sollte. Diese treten aber nur ein, wenn man tätig wird und kreativ wird und einfach loslegt, etwas Schönes zu gestalten. Sie teilt außerdem die Auffassung, dass die Vorstellung von Perfektion alles andere ruiniert, denn Perfektionismus sei weder realistisch, noch möglich. Sie trifft den Nagel auf den Kopf, wenn sie behauptet, Perfektionismus sei ein besonders nobler Ausdruck von Angst. Ja, das stimmt. Es ist – wie oben bereits erwähnt – die Angst nicht zu genügen, die Angst kritisiert zu werden, die Angst, banal zu sein…. Diese Liste könnte sicher endlos fortgesetzt werden.

“So many of us believe in perfection, which ruins everything else, because the perfect is not only the enemy of the good; it‘s also the enemy of the realistic, the possible, and the fun.“

“I think perfectionism is just a high-end, haute couture version of fear.“

“Failure has a function. It asks you whether you really want to go on making things.“

Überlegt mal, wann Euch das letzte Mal etwas Gefilztes so richtig missglückt ist. Ich muss da ganz schön lange überlegen, denn richtig daneben geht beim Filzen selten etwas. Vielleicht ist es nicht so, wie man es sich vorgestellt hat, aber dennoch ist es etwas geworden. Man lernt aus den „Fehlern“ und versucht beim nächsten Mal, es anders zu machen. Wenn ich die Wolle um eine Schablone ausgelegt habe und beim Aufschneiden der Wolle um die Schablone merke, dass die eine Seite dünner, die andere dicker ausgelegt ist, dann werde ich beim nächsten Mal die Wolle, die ich verwenden möchte, vorher teilen, sodass ich zwei Stapel oder mehr habe. D.h. im Sinne von Gilbert mache ich natürlich mit meinem kreativen Prozess weiter. Ich vertraue darauf, dass ich mit zunehmender Übung mein Wissen über das Filzen vorantreibe.

Das letzte Zitat bezieht sich darauf, die hergestellten Dinge der Öffentlichkeit zu zeigen. In unserem digitalen Zeitalter ist das Posten im Internet für uns Filzerinnen sehr einfach. Es gibt soziale Netzwerke, Plattformen und Gruppen, die die Möglichkeit geben, Werke zu teilen und den Filzprozess einer breiten, internationalen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Aber nicht nur das Posten im Internet meint Gilbert, denke ich. Ihr geht es darum, dass die kreativen Dinge nicht in der Schublade verschwinden und keine Beachtung finden. Verschenke ich etwas Gefilztes, so mache ich es auch öffentlich, aber auf eine ganz andere Art und Weise.

“The final act of creative trust is to put your work out there into the world once you have completed it.“

Ihr werdet beim Lesen gemerkt haben, dass es hierbei nicht nur um den kreativen Prozess oder das Filzen geht. Die Stichwörter „Mut“, „Zauber“, „Erlaubnis“, „Beharrlichkeit“ und „Vertrauen“ spielen nicht nur beim Filzen eine wichtige Rolle, sondern auch sonst im Leben.