Workshop mit Annemie Koenen in Heike Giesberts Atelier

Wie kann man Urlaub machen, wenn man gar keinen Urlaub hat?

Ganz einfach: man trifft sich mit 9 anderen Filzerinnen aus ganz Deutschland an einem Wochenende im Atelier von Heike Giesbert in Essen-Werden und freut sich auf Annemie Koenen, die einen Workshop zum Thema „Oberflächenstrukturen in Nuno, 3D, Relief und Schichten“ anbietet.

Die beiden, Heike und Annemie, sind ein tolles Team:

Heike ist eine aufmerksame, umsorgende Gastgeberin, die unsere Arbeitsprozesse mit Spannung verfolgt und mit ihrer Kamera dokumentiert. Sie denkt an alles und ist perfekt vorbereitet: Willkommenstüte mit Goodies, Süßigkeiten, Getränke, die sie an unsere Arbeitsplätze bringt, leckere Mittagessen mit Nachtisch, Arbeitsplätze mit Matten, Handtücher, Schüssel, Seife, Ballbrause. Es fehlt uns an nichts. Alles ist mit Liebe hergerichtet.

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Annemie ist eine tolle, sehr erfahrene Lehrerin. Sie hört sich geduldig an, welche Filzpläne die 10 Teilnehmerinnen haben und gibt jedem von uns eine Zeitvorgabe, bis wann wir zu einem bestimmten Punkt im Filzprozess gekommen sein müssen, damit wird ein fertiges Werkstück mit nach Hause nehmen können – das ist keine Selbstverständlichkeit. Sie gibt ihr  jahrzehntelang erworbenes Filzwissen preis. Auch das ist nicht selbstverständlich. Sie ist gleichzeitig liebevoll zu und streng mit uns, damit wir einen qualitativ hochwertigen Filz kreieren. Das erfordert genaues und akribisches Arbeiten. Oft ist es ganz still im großen Kursraum – eine konzentrierte, angenehme Stille, die nur von rhythmischen Filzgeräuschen unterbrochen wird.

Für jeden einzelnen von uns – mit ganz unterschiedlicher Filzerfahrung – findet sie die richtigen Worte und erklärt die notwendigen Arbeitsschritte mit allen gemeinsam. Wenn es sein muss, bekommt jeder noch einmal eine individuelle Erklärung am Arbeitsplatz. Annemie hilft, achtet aber darauf, dass wir sofort selbst probieren, was sie erklärt und zeigt, denn nur die Theorie und das Schauen bringen uns nicht weiter.

Notizen und Fotos dürfen wir von den Zwischenschritten machen, veröffentlichen natürlich nicht. Zwischendurch gibt Annemie Tipps weiter, es sind scheinbar Kleinigkeiten. Aber diese „Kleinigkeiten“ erprobte Annemie sehr lange und führen, wenn man sie sich konsequent zu Herzen nimmt, zu einem tollen, perfekten 3D-Filzobjekt. Ihre Kunstobjekte, die wir anschauen und -fühlen dürfen, zeugen von kreativem Perfektionismus. Ein Armreif von ca. 6-7 cm Breite ist wundervoll bestickt. Annemie erklärt, dass dies unglaubliche 60 Stunden Arbeit beinhaltet.

Kragen, Hut, Armbänder, Stirnband, Wandbehänge und ein Gefäß sind von 10 Teilnehmerinnen entstanden. Ich schwankte zwischen Kissenhülle und Wandbehang. Am Ende wurde es ein Wandbehang, der noch auf einen Hintergrund aufgezogen werden muss. Ich verwendete Wolle (Merinowolle und Merinowolle mit Seide) von Annemie, die sie in Hülle und Fülle mitgebracht hatte und arbeitete Wollbolletjes (kleine Wollkügelchen) und Throwsters Silk (Seidenfäden) ein, sowie Wollkügelchen und Locken aus meiner Schatztüte, die ich vor einiger Zeit bei Hope Jacare Designs in Großbritannien gekauft hatte.

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Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, den Strukturen, der Oberfläche, die das Meer zeigen sollen und habe sehr viel über Verarbeitung, Materialien und den Filzprozess gelernt. Ich hoffe, in nächster Zeit ein ähnliches, kleineres Projekt zu realisieren, damit ich all das verinnerliche, was ich innerhalb weniger Stunden lernte.

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Am Ende machten wir bei Sonnenschein draußen eine schöne Ausstellung der tollen Filzobjekte und ein Gruppenfoto. Ich bin sicher, dass ich viele Mitfilzerinnen wiedersehen werde, sei es in Düsseldorf beim Filz-Kolleg oder bei Heike in Essen oder virtuell im Netz.

Was war das für ein schöner Kurzurlaub!  Spätestens im September bin ich wieder in Essen-Werden. Herzlichen Dank an Heike, Annemie und alle Teilnehmerinnen für den schönen Urlaub. 😘

Looking back and forth – Filzträume

Tja, das macht man ja so: an den letzten Tagen des Jahres schaut man vor und zurück.

Erst jetzt wurde mir wieder bewusst, dass ich heute vor einem Jahr meine drei Filzträume für 2016 gepostet hatte. Hier sind sie noch einmal zur Erinnerung:

  • Lernen wie man Fotos auf Filz transferiert,
  • einen Kurs oder Workshop besuchen,
  • einige meiner Filzdinge ausstellen.

Der aufmerksame Blogleser stellt fest, dass 2,5 der Filzträume in Erfüllung gegangen sind: Ich lernte im Workshop bei Sandra Struck-Germann, wie man Fotos, insbesondere Portraits auf Filz überträgt. Ich filzte eine Weste im „Privat-„Workshop mit Petra Hollomotz. Und erschuf mein erstes 3D-Schaf, ebenfalls bei Sandra beim Revierfilzertreffen in Düsseldorf.

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Nur mit dem Ausstellen hapert es noch ein wenig. Dieser Traum ging nur halb in Erfüllung, wenn ich die Ausstellung im Schaufenster vom Mehrfach – der Fachvermietung – zähle, wo einige meiner Dinge zum Verkauf stehen.

Seit dem Filzkolleg in Düsseldorf im August ist allerdings noch ein viel größerer Filztraum in Erfüllung gegangen, den ich mir nie erträumt hatte: Ich bin Teil eines großen, weltweiten Filznetzwerks geworden und teile mein Hobby mit vielen anderen. Wie ist das möglich?

Das passierte zum einen beim Filzkolleg und Revierfilzertreffen in Düsseldorf, zum anderen über „Facebook“ – einem social media network, das ich bisher immer konsequent und kategorisch zu meiden wusste. Aber man soll ja niemals „nie“ sagen…

So habe ich nun über 800 (!) Filz“freunde“ und bekomme unbeschreiblich schöne, lehrreiche, anregende, erstaunliche Einblicke in das künstlerische Schaffen von Filzerinnen und Filzern in vielen Ländern. Manche Dinge sind so unglaublich und perfekt gefilzt, dass man nur auf den zweiten Blick sieht, dass sie gefilzt wurden. Dies gilt v.a. für die vielen russischen Filzerinnen, in deren Schaffen ich schon in der Ausstellung „Sould of Felt“ einen Einblick bekam. Zwar kann ich nicht mehr als die Vornamen der Filzerinnen lesen und der Facebook-Übersetzer lässt zu wünsche übrig, aber es geht ja vielmehr um das Bestaunen der Bilder und das Nachvollziehen des aufwändigen Herstellungsprozesses.

Aus einem zweiten Grund hat sich durch die Vernetzung eine neue Welt eröffnet: das ist meine geographische Perspektive. Ich erfahre nun, dass es Gegenden in Russland gibt mit Temperaturen von -43°C und sehe eine idyllische Schneelandschaft, während in Island die Schafe in den Stall müssen, weil ein schwerer Schneesturm tobt und in Australien schwerer Regen nach einer Hitzeperiode fällt und Südafrikaner an Weihnachten draußen Wolle spinnen. Natürlich kenne ich theoretisch die klimatischen Unterschiede, aber es ist doch etwas anderes, wenn man ein Foto sieht und eine gewisse Beziehung zum virtuellen Freund aufgebaut hat, dem ich durch Kreativität und Filzen verbunden bin. Mich beeindrucken solche Posts so sehr, dass ich zum Schrank gehe, den Atlas nehme und nach den Orten suche, wenn ich sie denn kenne.

Und damit komme ich zum Nachvorneschauen… Was wünsche ich mir filzerisch gesehen für 2017?

Ich wünsche mir, dass ich einige meiner virtuellen Filzfreunde persönlich kennenlernen kann. Ich wünsche mir, dass ich durch die Community mein Filzwissen erweitern kann. Ich wünsche mir, dass ich an mehreren internationalen Worksshops teilnehmen kann (zwei sind schon gebucht: ein Wochenendworkshop im Februar und ein Kurs im Ausland im Juli). Ich wünsche mir einen engen Kontakt zu meinen Filzfreunden in Essen und der näheren Umgebung. Ich wünsche mir, dass ich lerne, besser mit Rohwolle umzugehen und lerne, Pantoffeln oder Schuhe oder Stiefel zu filzen.

Ich könnte vermutlich endlos so weitermachen, belasse es aber bei den fünf Wünschen und schaue in einem Jahr wieder in diesen Post um vor- und zurückzuschauen.

Meinen Lesern, Filzfreunden und allen, die mich unterstützen wünsche ich alles Gute für 2017 und verabschiede mich für 2016 natürlich mit etwas Gefilztem: einem Schweinchen auf zwei Beinchen 😉

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Für die Techniker unter Euch: es ist in der Schablonentechnik gefilzt, Ohren und Ringelschwanz sind angefilzt, die Nase wurde nach Entfernen der Schablone geformt. Der Ringelschwanz erhält eine Form, indem ich ihn in freuchtem Zustand drehte und mit Stecknadeln feststeckte. Nach dem Trocknen bleibt die Ringelform bestehen.

Wer noch ein Schweinchen braucht, findet die Schablone hier:

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Filzferien in der eigenen Stadt: meine Traumweste

Na ja, ich muss zugeben, so ganz stimmt es nicht…

  1. Die eigene Stadt ist es laut Stadtgrenze schon, aber Burgaltendorf wurde spät nach Essen eingemeindet und bildet eine eigene Einheit. Dort ist es hügelig, und alles macht einen idyllischen, eher dörflichen Eindruck.
  2. Meine Ferien in Petras Filzstube waren dort zwar nicht vom Nichtstun geprägt, dennoch war es eine sehr angenehme, produktive, informative, entspannte, ruhige Auszeit.

Nun fragt Ihr Euch sicher, was ich dort machte. Die Idee zwei Ferientage bei Petra zu verbringen, entstand, als ich Anfang September in Siegburg die Ausstellung „Soul of Felt“ besuchte und dort eine feine, dünne funogefilzte braun-schwarze Weste anprobierte, die mir sehr gefiel. Sie passte mir nicht und kam deshalb nicht in Frage. „Eigentlich kann ich das ja selbst filzen,“ dachte ich.

Vor längerer Zeit versuchte ich mich bereits im Nunofilzen mit Pongéseide und filzte einen Gürtel, Kameragurt, Schal (mein Header im Blog) und ein Kleid. Nur das Kameraband entstand zuhause in Eigenregie, die anderen Teile filzte ich unter Anleitung in Kursen.

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Das Nunofilzen mit Pongéseide ist eine besondere Herausforderung im Vergleich zum Filzen mit Chiffon, weil die Pongéseide viel dichter ist und es somit schwieriger ist für die Wollfasern, durch den Stoff zu „kriechen“. Der Schrumpffaktor liegt bei 2, d.h. man fängt doppelt so groß an und muss die Kammzugwolle ganz fein und sauber auslegen, damit keine Löcher entstehen.

Alleine traute ich mir es nicht zu eine Weste zu filzen, weil zu viel hätte schief gehen können. Also dachte ich an Petra, deren tolle Arbeiten ich im April bewundert hatte. Sie konnte im letzten Jahr die Filzausbildung in der Filzschule Oberrot abschließen. Wow, was für eine Vielfalt, was für ein Aufwand macht sich bei ihren Filzarbeiten bemerkbar…

Petra war so flexibel, dass sie mir zwei Tage in den Herbstferien reservieren konnte. Jeweils von 10 – 19 Uhr war ich bei ihr und tauchte in ihre Welt des Filzens ein.

Zunächst klärten wir, welche Form die Weste haben sollte. Die Farbe hatte ich mir schon ausgesucht. Die Weste sollte schwarz werden, sowohl die Seide als auch die Wolle sollten diese Farbe haben. Dazu passt alles, so war meine Überlegung. Ein Probeläppchen von 20 x 20 cm fertigte ich an, das auf ein Maß von 10 x 10 cm schrumpfen musste. Das gefiel mir gut, die typisch krinkelige Struktur der Seide war deutlich sichtbar: so sollte es werden. Petra schlug vor, ein Probeläppchen mit grauer Wolle auf schwarzer Seide zu fertigen, um eventuell eine Alternative zu haben. Dies sieht auch schön aus, und ich kann es mir für Stulpen oder andere kleinere Stücke vorstellen.

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Die Schablone berechnet sich nach meinen Maßen: Brustweite, Länge, Schulterbreite. Der Überschlag vorne muss auch berücksichtigt werden. Petra gab mir Vieles von ihrem Wissen, dass sie bei den „großen“ Filzlehrerinnen in der Ausbildung gelernt hat, weiter und ich profitierte beim Fertigen der Weste von Ihrer Erfahrung beim Filzen von Bekleidung.

Der Filzprozess ist für mich immer wieder eine neue Herausforderung: theoretisch weiß ich ja, wieviel Arbeit dahinter steckt, aber wenn ich dann mittendrin stecke, ist es doch ganz schön anstrengend, sowohl von der Konzentration her als auch körperlich. In letzter Zeit arbeitete ich viel mit Vlies oder Vorfilz. Der echte Filzer würde sagen: „Das ist kein richtiges Filzen. Das geht nur mit Kammzugwolle.“ Im Auslegen dieser konnte ich mich jetzt üben. Wir wogen die Wollmenge für zwei Vorder- und eine Rückseite genau ab und damit musste ich beim Auslegen auskommen. Das klappte leider nicht immer. Das Auslegen will gelernt sein…

Mehr als einmal rettete mich Petras akribische Art, die Wollmengen und Schablonengrößen noch einmal zu kontrollieren und nachzumessen. Da ist ihre gute Anleitung und Erfahrung unbezahlbar.

Auch die wollige Innenseite bekam ein Muster, sodass ich theoretisch die Weste von zwei Seiten würde tragen können:

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Petra versorgte mich nicht nur mit ihrem Filzwissen. Wasser, Kaffee und Süßes standen immer bereit. Mittags zauberte sie extra für mich ein köstliches Mittagessen, das mir die nötige Energie gab, um zügig weiterzuarbeiten.

Erst am späten Nachmittag des zweiten Tages waren alle Seiten so gut gelegt und angefilzt, dass ich anfangen konnte zu rollen. Erfreulicherweise war es bei dieser Vorarbeit des Anfilzens nicht notwendig, die Weste 800 mal zu rollen, wie es damals bei dem blauen Kleid der Fall war. Vergleichsweise schnell krinkelte sich die Seide, die Schablone konnte herausgenommen werden und ich knüddelte und knetete die Weste, damit sie fester und kleiner wurde.

Dann kam der große Moment: die erste Anprobe… Wie spannend! Petra zeigte mir, wo und wie ich die Weste in Form bringen musste, damit sie mir auch richtig passt. Wir stellten fest, dass beide Seiten sehr schön aussehen: die wollige und seidige.

Außenseite (Seidenseite) mit gelegten und abgenähten Reservierungen:  2016.10 Weste 3

Innenseite (Wollseite) mit aufgelegten Seidenstreifen:

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Nun wird es aber Zeit, die Weste im Ganzen zu zeigen:

Vorderseite (den Metallknopf zauberte Petra hervor, er passt hervorragend):

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Rückseite:

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Detailfoto der Vorderseite mit Knopf und Kragen:

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Detailfoto der Rückseite mit Rüschen:

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Die Weste wiegt 198g und ist meine Traumweste. Insgesamt waren es zwei tolle Tage in Petras Filzstube in Burgaltendorf, in denen ich viel gelernt und viele neue Anregungen und Tipps bekam. Ganz herzlichen Dank, liebe Petra!

Filzkolleg: Tag 1 – Wechselbad der Gefühle

Es ist traumhaft – ich bin im Filzland. Ganz weit weg vom Alltag und doch nur knapp 50 km von Essen entfernt. Das Filzkolleg des Filznetzwerk findet in dieser Woche in Düsseldorf statt.

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Ich habe die Ehre an einem Kurs bei Sandra Struck-Germann teilzunehmen. Das ist eine große Herausforderung. Es geht darum, ein Foto auf Filz zu übertragen und in Pop-Art mit farbigen Hintergründen mehrfach darzustellen. Fertig, wenn man die Technik beherrscht, sieht es phantastisch aus. Endlich sollte es mir gegönnt sein, diese Technik kennen zu lernen.

Hier seht Ihr die Vorbereitung: ich nahm mir viel vor und möchte das Motiv auf vier Hintergründen darstellen. Der Vormittag steht im Zeichen des Überblicks: Sandra erklärt uns die Technik in groben Zügen, damit wir ungefähr wissen, was auf uns zu kommt. Sie bittet uns, die Fotos der Zwischenschritte nicht zu veröffentlichen. Das ist verständlich, schließlich entwickelte sie diese Technik in jahrelanger, mühevoller Arbeit.

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Die schönste und traurigste Begegnung hatte ich in der Mittagspause, denn die verbrachte ich mit Annemie Koenen, die auch am Kurs von Sandra teilnimmt und deren einzigartige Ausstellung ich vor wenigen Wochen in Sittard in den Niederlanden hatte bewundern können. Ich hatte mitbekommen, dass Ihr Bus vollgepackt mit Filzunikaten nach der Ausstellung auf dem Weg nach Berlin zur Textil-Art in Brand geraten war und viele Teile nicht zu retten waren. Als sie mir heute erzählte, dass fast alle Teile der Ausstellung in Sittard nicht mehr existieren, die ich gesehen und bestaunt hatte, war ich tief getroffen: 67 Teile aus 12 Jahren Filztätigkeit – ihr „Lebenswerk“, wie sie heute selbst sagte…

Der Nachmittag brachte mich an meine Grenzen, was das Durchhaltevermögen und die Frustrationstoleranz angeht. Die 3-dimensionale Filzdarstellung lässt sich am besten durch die Fotoansicht des Handys 2-dimensional betrachten, aber trotz enormer Anstrengung meinerseits, die Fotovorlage möglichst genau auf die Filzhintergründe zu übertragen, wollte sich keine Ähnlichkeit mit meinem Portrait einstellen. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl nichts richtig gelegt und positioniert zu haben und überlegte sogar kurzzeitig, den Kurs abzubrechen und frustriert nach Hause zu fahren.

Die Stille im Kursraum, meist nur von den einschätzenden, aufmunternden und motivierenden Bemerkungen von Sandra unterbrochen, zeugte von hoher Konzentration aller Teilnehmerinnen, von denen viele sehr filzerfahren sind, weil sie z.B. die Filzausbildung bei Wollknoll in Oberrot durchlaufen haben. Ich kämpfte weiter, fuhr nicht nach Hause, sondern machte eine Pause.

Ausgelegt ist die Wolle nun auf allen vier Hintergründen. Morgen früh wird noch einmal kontrolliert und sicherlich hier und da verändert. Die Kinnpartie stimmt nicht, die Brille ist ein fast unüberwindliches Hindernis. Dann erst beginnt der eigentliche Filzprozess. Ich bin gespannt, was morgen als Ergebnis rauskommt. Aber darum geht es nicht wirklich, denn ist ein bisschen wie in Rio bei den Olympischen Spielen: „Dabeisein ist alles.“. Es gibt so viele bemerkenswerte und namhafte Filzerinnen. Und ganz viele von ihnen sind hier versammelt, sodass ich heute morgen bei der Begrüßung gar nicht aus dem Staunen herauskam. Was für Erfahrungen und Erlebnisse im Filzland in Düsseldorf! Ein Wechselbad der Gefühle am ersten Tag.

deutsch-russisches Filzertreffen

Am 12.09.2015 treffen deutsche und russische Filzerinnen in Köln aufeinander und filzen gemeinsam zum Thema „Gleichgewicht“. Es werden Paare aus deutschen und russischen Teilnehmerinnen gebildet. Jedes Paar filzt Musterstücke, kleine Objekte oder etwas Ähnliches zusammen oder mit der gegenseitigen Unterstützung. Die erschaffenen Objekte können als Andenken mitgenommen, getauscht oder an eine Einrichtung gespendet werden.

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Spannend! Und ich bin dabei! 🙂

Auszeit bei Sabine – Ecoprinting

Sabine hatte mich im letzten Jahr zu einem ihrer Rockkurse nach Rees eingeladen. Ihre Röcke sind wunderschön, aber zeitaufwändig in der Herstellung, drei Tage muss man dafür veranschlagen. Das ist viel und lässt sich bei mir nur schwer in den Alltag integrieren. Also sagte ich für den Ecoprint-Workshop zu, der am vergangenen Sonntag stattfand. Außer mir waren vier holländische Filzerinnen angemeldet. Gearbeitet wurde draußen bei schönstem Frühlingswetter, in Sabines tollem Garten.

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Viel wusste ich nicht über das Drucken mit Pflanzen, hatte Bilder im Internet gesehen, konnte mir aber nicht vorstellen, wie das funktionieren würde. Drei Bäder hatte sie angesetzt mit Blauholz, Eukalyptus und Zwiebelschalen. Doch zuerst konnten wir unsere mitgebrachten, nassen Stoffteile kurz entweder in Essig- oder Eisenwasser tauchen. Diese Bäder verändern die Übertragung der Farben. Sabine verwendet immer Eisenwasser, das sie selbst herstellt. Kupfer beispielsweise würde die Übertragung der Drucke reduzieren.

Die Stoffteile wurden ausgebreitet und mit in Wasser eingelegten oder frischen Blättern belegt. Dafür eignen sich z.B. Ahorn, Geranien, Perückenbaum, Haselnuss, Rotbuche, Pfingstrose (Blätter), Rosenblätter, Erdbeerblätter, Himbeere, Amber, Hartriegel und Schmetterlingsflieder. Sabine ist in der glücklichen Lage und findet die meisten Pflanzen in der Nähe oder hat gute Bezugsquellen ausfindig machen können.

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Es macht Spaß, mit den Blättern zu experimentieren und die Seiden- und Filzschals einfach so zu belegen, alles dem Zufall zu überlassen. Planen geht nicht, denn ich habe keinerlei Erfahrung, probiere aus.

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Nachdem die Blätter wahllos auf den Schals, Tüchern und Probestücken verteilt sind, ist die Faltung entscheidend. Die Behälter mit den Bädern haben nur eine bestimmt Höhe und daraufhin muss alles gefaltet werden. Was rausguckt, wird dunkler. Zwischen Blättern und Stoff kann man Papier legen, z.B. normales Kopierpapier, damit sich die Blätter der einen Seite nicht durchdrücken. Auch Plastik ist möglich, aber Sabine weist auf den doppelten Nutzen des Papiers hin: zum einen ist es umweltfreundlich (eben Ecoprinting), zum anderen wird auch das Papier bedruckt und bietet einen schönen Nebeneffekt.

Entscheidend für die Qualität des Drucks ist die Festigkeit der Schnürung. Je fester die Stoff- und Papierbündel aufgerollt und geschnürt werden (auf Holz- oder Eisenstäbe, auch das macht einen Unterschied), desto intensiver fallen die Ergebnisse aus. Und die können sich in der Tat sehen lassen. Allerdings wird man auf eine Geduldsprobe gestellt, denn die gewickelten Stoffteile müssen mindestens zwei Stunden in den Bädern kochen.

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Dann aber wird es spannend. Wie in einer Hexenküche sieht es aus, wenn die dampfenden Bündel aus den Behältern gefischt werden. Aber Sabines Nachbarn kennen das schon, wundern sich schon lange nicht mehr. Wir Teilnehmerinnen sind nicht mehr aufzuhalten. Handschuhe an und her mit den Bündeln: vorsichtig werden die Schnüre entfernt und die Bündel entrollt. Von allen Seiten hört man „Ohh.“ oder „Ahh.“ Die Ergebnisse sind atemberaubend: die Farben leuchten richtig, die Strukturen der Blätter haben sich zum Teil in den Stoff oder das Papier eingebrannt.

Liebe Sabine,
danke für den tollen Workshop. Die schöne Umgebung (arbeite sonst nie draußen ;-)), die inspirierenden anderen niederländischen Teilnehmerinnen, Deine ruhige, nette, zugleich begeisterungsfähige Art und v.a. Deine Bereitschaft, Deine langjährigen Erfahrungen mit uns zu teilen und natürlich nicht zuletzt die überzeugenden, wunderschönen Ergebnisse haben den Sonntag zu einem unvergesslichen Erlebnis machen lassen, das den Arbeitsbeginn am Montag in weite Ferne gerückt hat.

1. Seidenschal (Pongé 05)

2. Seidentuch (Pongé 05, 90 x 90 cm)

3. Papier

4. Filzschal mit Chiffonanteilen